Als Liebhaber alter Wertpapiere schlägt einem das Herz ab und zu etwas rascher, und bei der Entdeckung dieses Stücks hätte es beinahe geflattert: NAPA VALLEY WINE COMPANY, Charles Krug und Jacob Beringer, Pioniere und global brands — der Grundstein des kommerziellen kalifornischen Weinbaus!
Napa Valley Wine Company, St. Helena 1873, Zertifikat über zehn Aktien
Krug und zwei andere Weinbauern, M.G. Richie und George Fagg, gründeten am 4. Dezember 1872 die Unternehmung; weitere Geldgeber aus dem Sonoma-Gebiet, Major J.R. Snyder und O.W. Craig (ebenfalls winemakers) gesellten sich 1873 dazu, und 1874 schloss sich ihnen der aus Weissenburg/Bayern stammende und nun bedeutende Weinbauer John C. Weinberger an. Das Kapital von USD 40'000 war ursprünglich eingeteilt in 40 Zehnerzertifikate zu USD 100 je Aktie, wegen der Aktienübertragung von Richie auf Weinberger (40 Aktien) wurden noch vier Folgezertifikate ausgestellt. Alle 44 Titel trugen die Originalsignaturen von Charles Krug und Jacob Beringer.
Napa and Sonoma Wine Company, 1870er, n/i, sig. Jac. Beringer;
NB. Nun liegt die Traube … (courtesy of Scripophily.com)
Dann die Katastrophe am 11. Juli 1874: ein verheerender Brand, dem die ganze Kellerei zum Opfer fiel. Hartnäckig rappelten sich die «winegrowers» auf und gründeten Anfang August 1874 — knapp drei Wochen nach dem Unheil! — eine neue Gesellschaft, die «Napa and Sonoma Wine Company» (wahrscheinlich umbenannt wegen der Beteiligung Snyders und Craigs).
«Making raisins in the vineyard» of Napa Valley, postcard, ca. 1910
Als 1990 das Aktienbuch der Napa and Sonoma Wine Co. in Weinbergers Nachlass gefunden wurde, ergaben Krugs Aufzeichnungen: Von den ursprünglich 44 Exemplaren des historisch bedeutenden Gründertitels hatten nur gerade 24 Stück den Brand überlebt (wissen Sie mehr dazu? — teilen Sie es mir bitte mit; Diskretion ist selbstverständlich).
Wenn ab und zu auf Auktionen ein Papier auftaucht, ist es fast immer ein Stück der Nachfolgegesellschaft Napa/Sonoma, meistens ein Teilblankett oder sogar ein nicht ausgegebenes Exemplar, denn alle Gründertitel sind Anfang der 1990er in Sammlungen einverleibt worden. Seit Jahren ist es äusserst schwierig und nur mit viel Glück möglich, ein Original mit den Unterschriften von Charles Krug und Jacob Beringer zu sichten oder gar zu erwerben.
Charles Krug (gewichtiger Aktionär und Präsident der Firma), 1825 geboren als Karl Krug in Trendelburg/Preussen, darf sicher als bedeutender, innovativer Weinbaupionier des Napa Valley bezeichnet werden. Krug kam 1852 von Philadephia nach San Francisco und arbeitete bis 1854 als Redaktor der «Staats-Zeitung», der ursprünglich in New York gegründeten und ersten deutschen Tageszeitung Kaliforniens (erschienen 1892–1953 im Verlag Knight Ridder, Inc.). Er war auch Gründungsmitglied und erster Präsident der St. Helena Viticultural Society (1875) sowie Direktor der 1882 gegründeten Bank of St. Helena (tempora mutantur: Heute beherbergt das Bankgebäude die «1351 Lounge», einen hot nightlife club in Napa Cy …).
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die Charles Krug Winery in St. Helena (distributed by Ed. Wood Postcard Co., Forestville/CA; photo: unknown) |
1861 lieferte er erstmals Wein aus (1'200 Liter, hergestellt mittels einer geborgten Apfelwein-Presse), zwanzig Jahre später war die Krug Ranch eine der prächtigsten und erfolgreichsten im ganzen Napa-Tal, und Krug der unbestrittene Weinkönig. Mittelfristig hatte er jedoch weniger Glück: Die aufkommende Prohibition und hauptsächlich die Reblaus-Plage trieben ihn 1891 in den Konkurs. 1892 starb Charles Krug, und 1893 kaufte sein Freund James K. Moffitt, ein Banquier, die bankrotte Gesellschaft auf. 1943 ging die «Charles Krug Winery» für USD 75'000 in den Besitz von Cesare und Rosa Mondavi über; deren Nachfolger Peter Mondavi ist übrigens Robert Mondavis Bruder (sie gingen 1965 in einem hässlichen Familienstreit auseinander, und Robert baute sein eigenes erfolgreiches Gut in Oakville auf).
Der aus Mainz stammende Jacob L. Beringer war nicht Aktionär der Firma, jedoch ihr Geschäftsführer, Kellermeister und Sekretär (deshalb die Signatur auf den Zertifikaten). 1875 schied Beringer aus der Firma aus (er wurde durch Weinberger ersetzt), gründete 1876 zusammen mit Frederick, seinem Bruder — «los hermanos» — eine eigene Gesellschaft, und sie kauften für USD 14'500 215 acres Land (1 acre entspricht knapp 0.4 Hektaren). Um ihr erstes Vorhaben, den Bau von Kellereien zu verwirklichen, heuerten die Beringer Brüder Chinesen an, die 1869, nach Vollendung der Transkontinentalen Eisenbahn zurück nach San Francisco gekommen waren.
die steinernen Keller: «Beringer Bros. Natural Underground Tunnels»,
postcards, 1936–40's
Über mehrere Jahre wurde ein Labyrinth von Stollen in den Fels getrieben, zwei mal fünf Meter mit einer Gesamtlänge von fast 400 Meter (die Weinfamilie «Stone Cellars» erinnert daran). Dadurch konnten eine stete Temperatur von 14.5° und eine Feuchtigkeit von rd. 80% gehalten werden: ideale Voraussetzungen, um den Wein in Ruhe reifen zu lassen. Bereits 1876 wurden die ersten Trauben gepresst und etwa 40'000 Gallonen (ca. 150'000 Liter) bzw. 18'000 Kisten Wein gekeltert.
der Begriff «Napa» stammt anscheinend aus der Sprache
der Wappo-Indianer und bedeutet Haus, Mutterland
1887 gewannen die Beringer erste Preise an der Mechanics Institute Exposition in San Francisco, und als diese Kellerei 1934 öffentliche Besichtigungen anbot, läutete sie den Weintourismus in Kalifornien ein. 1971 übernahm Nestlé die Beringer als Teil von Wine World, Inc., 1995 ging sie an die Texas Pacific Group, wurde 1996 als Beringer Wine Estates Holdings/Beringer Blass konsolidiert und 2000 für USD 1.2 Milliarden von der Foster's Brewing Group Ltd. gekauft. Beringer gilt heute als die älteste durchgehend geschäftstätige Weinbaugesellschaft des Napa Valley.
der Napa Valley Wine Train, ein luxuriöser Sonderzug der Napa Valley RR,
fährt eine 3½-stündige Tour von Napa durchs berühmte Tal nach St. Helena;
die Bahn feiert am 16. September 2009 ihren zwanzigsten Geburtstag
(Photo: J.C. Appiarius)
Man streitet in längeren Abhandlungen um den Begriff «oldest winery in Napa Valley» und wer nun tatsächlich der Vater des kalifornischen Weinbaus sei: der Franziskaner Father Junipero Serra, Don José Camacho, George Calvert Yount, John Patchett, Dr. George Crane, Hamilton Walker Crabb, Agoston (auch Augustin) Haraszthy oder eben doch Charles Krug. Einige nennen ihn «the First Consulting Winemaker in Northern California» — auch nicht schlecht — , und fast immer wird Charles Krug als Gründer der ersten kommerziellen Weinhandelsgesellschaft genannt, u.a. im Zusammenhang mit der Renovation der Napa Valley's first winery buildings. Was solls: Andere gingen vergessen, doch Krug und Beringer, diese zwei Namen sind heutzutage nicht aus dem Weinhandel wegzudenken und geniessen Weltruf; deshalb ist dieses Papier ein bedeutender Zeitzeuge, ein wichtiges Dokument des kalifornischen Weinbaus.
PS: In der globalisierten Wirtschaft ändern die Besitzverhältnisse urplötzlich und manchmal überraschend, und «The history of wine making in California is a long story that continually changes and constantly grows.», deshalb mögen nicht alle Angaben up-to-date sein — I'm sorry about that. Mir geht es hier um die Vergangenheit, die Wurzeln und das Wachsen; die aktuellen Blüten entnehmen Sie besser den einschlägigen Wirtschaftsseiten …
PPS: Dank «Alice's Treasures» fand ich eine kleine, aber feine Sammlung von seltenen Krug/Mondavi und Beringer Etiketten aus den 1950–60ern. Für mich neu und überraschend: die breite Palette des Angebots!
PPPS: Die Welt des Weines als Schauplatz der Globalisierung und der önologische «Kampf der Kulturen» sind das Thema der sehenswerten, mehrfach ausgezeichneten Dokumentation «Mondovino» von Jonathan Nossiter — und als Pendant erzählt Randall Millers genussvoller (und ebenfalls mehrfach prämierter) underdog movie «Bottle Shock», wie 1976 die traditionalistisch-elitäre Weinindustrie Frankreichs durch mutig anders gekelterte kalifornische Tropfen nachhaltig durchgerüttelt wurde.
(ursprünglich publiziert in TELL TELEX, Nr. 3/April 1993; 2008/09 überarbeitet und ergänzt; Quellen: hauptsächlich John Heleva, The Charles Krug Collection, ca. 1990)