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Bärentatzen & Bullenhufe


Nicht alle entdeckten Wertschriften und Dokumente füllen eine eigene page, aber sie hinterliessen hie und da typische Spuren, sind Teil der Wirtschafts- und Finanzgeschichte und deshalb hier versammelt.
     Die «Bärentatzen &  Bullenhufe» entstehen wie ein Puzzle zum Thema «Varia», sind (wie alle meine Seiten) persönlich gefärbt und erheben keinen massgeblichen Anspruch — aber ich hoffe, die twinkles bringen Sie zumindest zum Schmunzeln und gelegentlich zum Staunen.
     Neue Einträge hierin werden im about-Protokoll  *nicht*  vermerkt; damit Sie updates dennoch leicht erkennen können, steht links das Publikationsdatum des aktuellen Benjamins (yy/mm/dd). 




odd lot: le Mirage ist keine Fata Morgana …
(16/11/23)


Der Flugzeugkonstrukteur Marcel Bloch — einer der ersten Luft- und Raumfahrtpioniere Frankreichs — überlebte das KZ Buchenwald mit viel Glück und startete nach dem Krieg unter dem Namen Marcel Dassault eine der atemberaubendsten Industriekarrieren, dessen Krönung 1956 die Entwicklung der Mirage-Serie mit der berühmten Mirage III war.

«Avions Marcel Dassault/Breguet Aviation, 1971»
Avions Marcel Dassault–Breguet Aviation, Paris 1971, Gründeraktie FRF 50,
stilisierte Darstellung einer Mirage V und Facsimile von Marcel Dassault

1967 setzte Israel die Mirage III im Sechstagekrieg gegen Ägypten, Jordanien und Syrien ein und bewies gerade im Luftkampf seine militärische Überlegenheit.

«Dassault Mirage 2000 V»
Dassaults «Mirage 2000 V» und die jüngste Schwester,
das Mehrzweck-Kampfflugzeug «Rafale»

1971 fusionierte die 1946 gegründete Société des Avions Marcel Dassault mit der Breguet Aviations zur Avions Marcel Dassault-Breguet Aviation S.A. AMD-BA ist bis heute ein zuverlässiger Hersteller von erstklassigen Kampffliegern — und gleichzeitig einer der drei weltweit führenden Produzenten von Geschäftsflugzeugen.

Quellen:
• genannte und eigene Unterlagen

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I'm not just sad, I am angry.
(16/07/14–16)


«Europe France mourning Nice terrorist victims/Petit Niçois 1924»
Société Anonyme du „Petit Niçois”, Nice 1924, action FFR 100

Nice le soir, Promenade des Anglais — le Bataclan à ciel ouvert … Ok, même moi j'ai compris cette nuit du 14 juillet 2016: On est vraiment en guerre …

… sois donc absolument sûr, mon adversaire des idées et ennemi corporel, soyez certains, vous, racistes incarcérés dans votre extrémisme abruti de petit cons prétentieux: La libre pensée, la liberté joyeuse de la vie survivra et vinquera votre misanthropie morbide, votre barbarisme aveugle, votre fou cannibalisme — et donc à la fin même votre stupidité. Moi et mes copains et copines sont fils de la guerre froide, et nous savons pour qui et pourquoi combattre.

This evening on the Baie des Anges you sickening cowardly bastards won a battle again, killing about one hundred innocent human beings including several little boys and girls — but don't worry: You Will Lose The War.

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our open society mourns Daesh terror victims again …
(16/03/22)


«Belgium mourning Bruxelles victims/Kingdom Belgium 1925»
Kingdom of Belgium, External Loan, 1925

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odd lot: weder Buchbinder noch Buchhalter — Buchmacher!
(16/01/09)


Pferdewetten sind das ursprüngliche Geschäft des Bookmaker, des Buchmachers. Seit Jahrhunderten wird auf die schnellen Vierbeiner gewettet, und die Renntage an den renommiertesten Bahnen dieser Welt sind bis in unsere Zeit gesellschaftliche Ereignisse.

«Brandywine Sports, Inc., 1987»
Brandywine Sports, Inc., 1987, Zertifikat über 25 Stammaktien,
mit attraktiver Darstellung

Die NASCAR-Wettbewerbe und der Pferderennsport gehören zu den bedeutendsten Sportarten in Delaware. Die Brandywine Sports, 1977 als Aktiengesellschaft eingetragen, betrieb ein Hippodrom in Wilmington.

«San Juan Racing Association, 1980»
San Juan Racing Association, Inc., 1980, Zertifikat zu 17 Stammaktien,
mit feinster Stahlstich-Vignette

Gegründet 1954 und 1957 eröffnet, gilt die Rennstrecke in der Hauptstadt San Juan als die exklusivste Puerto Ricos.

Quellen:
• eigene Unterlagen

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Joyeux Noël!
(15/12/25)


Weihnacht ist ein Geburtstag, kein Name — ausser man heisst Natasha, Natalie, Natale oder eben Noël. So sind seit Jahren zwei französische Titel bekannt, nichts Grossartiges, aber passend zum Tag. Die Aktien des ersten Noël-Unternehmens sind farblich sehr diskret, wie die Blaue Edel-Tanne, und über diese Firma ist nur noch ihr Sitz bekannt: die Nummer 162 an der Rue de Charenton im 12. Arrondissement. Wie es der Zufall will, findet sich heute an derselben Adresse das Buchbinde- und Rahmenatelier von Nathalie Lemaitre, diplomiertes Mitglied der Union centrale des arts décoratifs und 2000 als «Meilleur Ouvrier de France» ausgezeichnet.

«Société Anonyme Noël 1926»
Société Anonyme Noël, Paris 1926, Aktie FRF 100

Konsequent war ein gewisser E. Noël, denn er machte ganze Arbeit und hinterliess der Scripophilie einen Art Déco-Titel in klassisch weihnächtlichen Farben. Viel mehr findet man auch über diese Gesellschaft nicht heraus, doch immerhin ist unter der Nummer 66415 am 18. November 1929 in Bern der Eintrag einer internationalen Marke nachgewiesen.

«Les Mosaïques Noël 1930»
Les Mosaïques Noël — Parquets et Lambris Noël,
Paris 1930, Gründeranteil FRF 100

PS: À vous tous, chères lectrices et chers lecteurs, mes vœux les meilleurs pour une bonne et heureuse Nouvelle Année — accueillez le petit 2016 sous une pluie de champagne pour qu'il soit pétillant de joie et de santé!

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our liberté·égalité·fraternité is mourning and challenged by brute Daesh again …
(15/11/14-19)


«France mourning again Paris Bataclan/Dette Publique ETAT France»
obligation des Chemins de Fer de l'État, 1914/24

… und das herrlich spöttische Titelblatt von Charlie Hebdo — CinCin alla libertà!

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odd lot: die «Sterngucker-Aktie»
(15/09/30)


Das weltberühmte astronomische Observatorium auf dem Gipfel des Mount Palomar steht rund 80 km nordöstlich von San Diego. Mit seinem knapp fünf Meter weiten Hale-Spiegelteleskop war es von 1947 bis 1975 das grösste Fernrohr der Welt.

«Palomar Financial 1978»
Palomar Financial, 1978, Zertifikat über 100 Stammaktien (big), mit feinster
Stahlstich-Vignette, ausgestellt auf Merrill Lynch Pierce Fenner & Smith Inc.,
rückseitig zweifach im Stempel gezeichnet von Donald Thomas Regan

Diese bedeutende Sternwarte gehört heute zum Caltech (California Institute of Technology).

Quellen:
• eigene Unterlagen

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Der possierliche Verwaltungsrat
(15/09/28)


In der Schweiz spürten zuerst die Banken die Weltwirtschaftskrise, denn sie waren in den Zwanziger Jahren immer internationaler tätig geworden. Zusammen verloren sie sieben Prozent der Gesamtbilanzsumme oder 1.7 Milliarden Franken. Der Bund musste mit 200 Millionen zahlreiche Finanzinstitute sanieren — so die Schweizerische Volksbank und die Spar- & Leihkasse in Bern —, und mehrere schlossen ihre Schalter, u.a. die Banque de Genève, die Banque d’Escompte Suisse und die Banque Commerciale Valaisanne in Monthey, wie ein Jahr zuvor die 1909 gegründete Volksbank Reiden.

«Volksbank Reiden Aktie 1918»
Volksbank Reiden, 1918, Aktie über CHF 500 (big),
mit handschriftlicher Notiz zum Schicksal der Bank;
dazu die Emissionen von 1924 und 1926

Der Verwaltungsrat der Volksbank Reiden hatte am 28. Januar 1933 durch ein Kreisschreiben die Aktionäre und die Öffentlichkeit wissen lassen: «Zufolge Umsichgreifen der Wirtschaftkrise ist die Bank von Verlusten bedroht, die einschneidende Sanierungsmassnahmen erheischen, wenn das Institut wieder auf einen gesunden Boden gestellt werden soll. Die teilweise schon letztes Jahr gefährdeten Positionen sind im Jahre 1932 derart bedrohlich geworden, dass das Bestreben des Verwaltungsrates, die dubiosen Debitoren während der Wirtschaftskrise im Interesse der Allgemeinheit durchzuhalten, unmöglich wurde. In Spekulationsgeschäften oder Börsenverpflichtungen sind wir nicht engagiert, dagegen erleiden wir grössere Verluste speziell auf auswärtigen industriellen Engagements, die zum grössten Teil vom Verwaltungsrat nicht sanktioniert worden sind. Wir haben diesen krankhaften Expansionsdrang der bisherigen Leitung je und je verurteilt, leider ohne den geringsten Erfolg.»

«Bahnhofstrasse 4 Volksbank Reiden»
das ehemalige Gebäude der Bank an der Bahnhofstrasse 4 (big)

Also beschloss die ausserordentliche Generalversammlung am 15. Februar 1933, die Bank zu sanieren. Dazu wurde das Aktienkapital von CHF 2'000'000 zunächst halbiert, um es sogleich durch Neueinzahlung von CHF 250'000 in Stammaktien — geleistet vom Verwaltungsrat — und einer halben Million in Prioritätsaktien wieder auf CHF 1'750'000 zu erhöhen. Die ordentliche GV vom 31. März 1933 genehmigte die Jahresrechnung 1932 und entlastete sowohl Verwaltung wie Kontrollstelle; Direktor Elmiger hingegen entliess man nicht aus der Verantwortung … Schon bald nach der Sanierung erwies sie sich als ungenügend, und am 7. Juli 1933 schloss die Bank ihre Schalter. Die Gläubiger stimmten nach einem Konkursaufschub schliesslich einer Nachlassstundung zu, deren Vertrag die Luzerner Justizkommission am 21. Juli 1934 bestätigte.

«Wohnhaus Josef Marfurt Reiden»
das Haus von Josef Marfurt, Präsident der Volksbank Reiden, um 1979 (big)

Nun versuchten die Aktionäre, auf Umwegen ihr verlorenes Geld zurückzuholen, hatte doch 1933 ein Vertreter des Inspektorates des Schweizerischen Lokalbankenverbandes mitgeteilt, die Verluste seien «auf krasse Kompetenzüberschreitungen des bisherigen Verwalters Max Elmiger» zurückzuführen: Der Direktor sollte bluten, ihm hatten sie doch damals die Entlastung verweigert — es war aber sein «best effort» gewesen, und ihm konnte keine strafbare Tat nachgewiesen werden. Folglich wollte man rückwirkend den Verwaltungsrat und sogar den Revisor zur Verantwortung ziehen mit einem Prozess bis vors Bundesgericht. Doch Lausanne stellte fest: Die Aktionäre waren stets klar über die Risiken im Bild — aka Pech gehabt —, sie hatten rechtlich endgültig Décharge erteilt, und nebenbei wiesen die Richter hin aufs simpel dumme Defizit: die «mangelhafte Aufsicht des Verwaltungsrates über den Geschäftsführer» …

Quellen:
• Unterlagen zur Liquidation der Volksbank Reiden, Staatsarchiv Luzern
• Bundesgerichts-Urteil der I. Zivilabteilung, 2. Auszug, 17. Januar 1939
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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Ein Urtitel der «Papieri Bauschtu»
(15/04/23)


Seit 1880 leiteten die Brüder Robert und Arthur Bareiss die Papiermühle Worblaufen bei Bern. Drei Jahre später kauften sie die konkursite Holzstoff-Fabrik in Balsthal, gründeten die Kommanditgesellschaft Papierfabrik Balsthal und nahmen 1884 den Betrieb wieder auf. 1889 wandelten sie die Firma um in eine Aktiengesellschaft unter Mehrheitsbeteiligung von Ermanno Bumiller aus Florenz. 1890 bis 1910 baute Hermann, der jüngste Bruder das Unternehmen entscheidend aus: 1914 bestand die Firma aus vier Betrieben mit 424 Mitarbeitern.

«Papierfabrik Balsthal Briefumschlag Bareiss, Wieland & Co., Zürich»
ein hübscher Briefumschlag der Papierfabrik Balsthal, 1909 (big)

Die weltweit bekannte Marke «Tela» wurde 1933 in Balsthal geboren, danach übernahm die 1881 gegründete Cellulose Attisholz AG die Fabriken in Balsthal und Niederbipp. Attisholz erwarb 1983 die deutsche Hakle dazu und veräusserte 1999 das gesamte Bündel an den Konzern Kimberly-Clark. Die amerikanische Gruppe ihrerseits verkaufte 2006 den Balsthaler Betrieb an die Papierfabrik Horgen AG, die das Horgener Werk schloss — man hatte ja zwischenzeitlich die Produktion in die neu gegründete Paloma Horgen ins slowenische Ceršak verlagert —, den Firmenteil Balsthal benamste sie um in «Swiss Quality Paper» und verkitschte ihn nur drei Jahre später, 2009 an die indische Saber Group der Familie Soin.

«Actiengesellschaft der Cellulose- & Papierfabrik Balsthal, 1903»
Actiengesellschaft der Cellulose- & Papierfabrik Balsthal, 1903,
Inhaber-Prioritäts-Actie über CHF 500
(big, Detail)

Im August 2011 gab Saber bekannt, sie lege eine der beiden Papiermaschinen still und entlasse die Hälfte der Belegschaft; die vollständige Schliessung der Fabrik schien bevorzustehen. Doch endlich, nach zwei Jahrzehnten schlingernder Fahrt auf dem Übernahmekarussell, konnten die Menschen in Balsthal wieder durchatmen: Christian Krämer und Norbert Schröder, zwei deutsche Berater, brachten bis 2012 den Betrieb auf Vordermann und kauften ihn 2013 den Indern ab; so kam die Krämer & Schröder Investment GmbH zur Tochter Swiss Quality Paper AG. Das restrukturierte Unternehmen schreibt seit Ende 2012 wieder schwarze Zahlen, und heute stellen knapp 60 Mitarbeiter jährlich 27'000 Tonnen technische Spezialpapiere her, u.a. für die Herstellung von Zigarettenfilter und Rohwaren für die deutsche Tesa-Gruppe.

«Papierfabrik Balsthal Werbung»
Werbung der Cellulose- und Papierfabrik Balsthal und
ihres Bureau an der Löwenstrasse in Zürich, um 1915
(big)

Quellen:
• Franz Schaible, Solothurner Zeitung, verschiedene Artikel und Ausgaben
• Die Geschichte der Tela Papierfabrik, Kimberly-Clark, Niederbipp/kimberlyclark.ch
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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odd lot: der «Bulldog Bond»
(15/02/10)


Mack Trucks, Inc. ist ein amerikanischer Hersteller von schweren Lastkraftwagen (früher auch von Bussen). Gegründet 1900 als Mack Brothers Company, wurde das Unternehmen 2000 zusammen mit Renault Véhicules Industriels von AB Volvo gekauft.

«Mack Financial Corporation 1971»
Mack Financial Corporation, 1971, Obligation (senior debenture) zu 9¾%
über USD 5'000 (big) mit herrlicher Stahlstich-Vignette («The Bulldog»)

Der Bulldogge ist seit 1922 Symbol und Maskottchen von Mack.

Quellen:
• eigene Unterlagen

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odd lot: die Göttin des Bandsalats
(15/01/20)


Beim Ausmisten kommen Bilder und Kurztexte zum Vorschein, die ich nicht nutzlos entsorgen will; deshalb erscheinen sie künftig in loser Folge als «odd lot» — vielleicht sind die Informationen jemandem irgendeinmal dienlich.

«International Video Corporation (IVC)»
International Video Corporation, 1976, Zertifikat zu 100 Stammaktien (big),
die Stahlstich-Vignette zeigt die bekannte Dame als «Göttin des Bandsalats»

Die International Video Corporation (IVC) war ein kalifornisches Unternehmen, einst erfolgreich als Hersteller von Videorekorder und Studiokameras. Die dann ungeschickte (und glücklose) Allokation in Forschung und Entwicklung führte Ende der 1980er zur Schliessung der einst so populären Firma.

«IVC 7000P»
die TV-Farbkamera IVC 7000P stammt aus den 1970ern
und wog mit dem «Control Backpack» fast 25 kg (big)

Quellen:
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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non!
(15/01/07)


«je suis nous tous sommes CHARLIE»

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Ein sicherer Tip
(13/12/25)


Letzten Sonntag fieberten die Spanier wie jedes Jahr um «El Gordo», den dicken Hauptpreis des «Sorteo de Navidad». Diese Weihnachtslotterie ist eine Sonderziehung der staatlichen Lotería Nacional, sie wird seit 1812 am 22. Dezember ausgespielt und gilt als grösste Tombola der Welt: Fürs 2013 kommen Gewinne von runden 2¼ Milliarden Euro zur Auszahlung (was fast 70% der Einsätze entspricht), allein das Grosse Los ist 640 Millionen Euro schwer — und der klamme Staat verdient am geilen Spiel sogar mehr: rund 700 Millionen.

«SEVA Berne Suisse Noël 1938»
SEVA Berne Suisse, Weihnachtsziehung 1938,
Zeichnungsschein für ein halbes Los zu 50 französischen(!) Francs (big),
rückseitig die Bedingungen

Auch die Schweiz hatte ihre Weihnachtslotterie, zumindest 1938. Damals gab die 1933 gegründete bernische «SEVA — Lotteriegenossenschaft für Seeschutz, Verkehrswerbung und Arbeitsbeschaffung» entsprechende Lose aus. Den 200'000 Scheinen zu fünf Franken standen Gewinne von insgesamt 520'000 Goldfranken gegenüber, garantiert durch die Berner Kantonalbank. Der Hauptgewinn von damaligen CHF 100'000 entspricht etwa einer heutigen Dreiviertelmillion — nicht schlecht, aber auch kein Bombenlos. Die Gewinne der SEVA flossen grösstenteils in den kantonalen Lotteriefonds, der sie für «Projekte in Kultur, Denkmalpflege, Heimat-, Natur- und Umweltschutz, Tourismusförderung oder gemeinnützig» einsetzte — wie auch immer … Die mehrfach zweckentfremdete Verwendung dieser Gelder durch die Regierung löste Mitte der 1980er-Jahre die Berner Finanzaffäre aus. Ende 1994 wurde die SEVA aufgelöst, und Anfang 2003 schloss sich Bern als 20. Kanton der Interkantonalen Landeslotterie ILL an. Dann übernahm die Swisslos auch die Vermarktung des Zahlenlottos sowie im Auftrag der Sport-Toto-Gesellschaft diejenige der Sportwetten, und sie alimentiert bis heute den bernischen Lotteriefonds; die Verteilung der Gelder ist nun auch breiter abgestützt: Darüber entscheiden heute die Polizei- und Militärdirektion, der Regierungsrat und der Grosse Rat.

«Lotteria Natale 1978, Amici di Mercatovecchio Udine»
das hübsche Los einer regionalen Weihnachtslotterie:
Lotteria Natale 1978/Serie B, Amici di MercatoVecchio Udine,
aus dem Hauptort der italienischen Provinz Friuli-Venezia Giulia (big)

btw: Haben Sie noch einen Wunsch frei, oder suchen Sie etwas Besonderes für unters Tännchen eines Scripophilisten? Mein Tip: ein Jahres-Abonnement der «NONVALEUR Nachrichten | News». Kurz ein Blick zurück, denn die vielen Geschichten der deutschsprachigen HWP-Zeitschriften sind sehr verschieden und auch unterschiedlich erfolgreich, aber der rote Faden war stets «Es braucht ein regelmässig erscheinendes Heft in deutscher Sprache!», und das gilt anscheinend auch im Zeitalter des Internet. Ältere Semester erinnern sich an Harry Lecks braun-beige Hefte «Antiker Wertpapier-Spiegel» Mitte der 1970er, an die edel hochformatige «Zeitung für Historische Wertpapiere» der Frankfurter Freunde Ulrich Drumm und Alfons W. Henseler sowie an die langjährige (und auch turbulente) Geschichte des «HP Magazin für Historische Papiere». Als diese Publikation um die Jahrtausendwende eingestellt wurde, fehlte einigen Aktivisten um Jürgen Baral, Gerd Kleinewefers und Ingo Korsch eine Zeitschrift derart, dass sie beschlossen, den «Aktiensammler» herauszugeben. Dessen erste Nummer erschien im November 2001, und den «as» gabs ab Februar 2002 alle zwei Monate im Abonnement — bis Ende 2008, als Chefredaktor Jürgen Baral in der Nr. 6/08 die Zusammenarbeit mit der NWN Nebenwerte Nachrichten AG bekanntgab und die letzte Nummer unter seiner Leitung drucken liess. Der neue Verlag behielt die zweimonatliche Erscheinungsweise bei, stellte aber ab der ersten Nummer im Februar 2009 um auf durchgehenden Farbdruck, doch nach nur (aber immerhin) vier Jahren beendete die NWN im Dezember 2012 die Publikation: «rückläufige Abozahlen und wenig Bereitschaft im HWP-Markt, das Organ mittels Werbung zu unterstützen» waren die Begründung dieses Entscheids.

Nonvaleur Nachrichten News no. 12 2013
die jüngste Ausgabe lag Mitte Dezember im Briefkasten (big)
   
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Man mag die eine oder andere Entwicklung bedauern, doch unterm Strich gilt: Die Tradition ist stark genug, der Stab wurde weitergereicht. Ulrich W. Hanke hat ihn mit unternehmerischem Mut aufgenommen und im Frühjahr 2013 seine eigene Zeitschrift gewagt. Der Herausgeber dieses monatlichen, zweisprachigen Sammlermagazins ist ein ausgezeichneter Schreiberling — er arbeitete u.a. als Redaktor für die WirtschaftsWoche und ist seit Oktober 2012 bei den Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien —, ein rühriger Blogger und zudem Träger des Journalistenpreises «Historische Wertpapiere und Finanzgeschichte» in der Kategorie «Elektronische Medien» 2012. Neun spannende Nummern brachte er bisher pünktlich in meinen Briefkasten, THX! Ich wünsche UWH viel Geduld und Hartnäckigkeit, Freude und Erfolg, damit auch künftig eine deutschsprachige Fachzeitschrift uns alle immer wieder unterhält, überrascht und weiter bringt — und zum Schluss für dieses Jahr: Frohe Weihnacht und ein glückliches 2014!

«SWISS-SEVA Cartoon Design Competition, Coupon 1948»
SWISS-SEVA Cartoon Design Competition, Coupon, 1948, 8.5 x 10.5 cm (big)

PS (14/02/28): Dank einer Briefmarkenhändlerin aus Mumbai kam ich in den Besitz dieses Lotterieloses. Es ist datiert aus dem Jahr 1948, kostete damals eine Rupie, versprach einen möglichen Gewinn von 100'000 Rupien, zeigt die New Yorker Freiheitsstatue — und ist voller Rätsel … SWISS-SEVA? Konnte man wirklich in Indien mit solchen Losen an unseren SEVA-Ziehungen teilnehmen? Welchen Zusammenhang gabs mit der Schweiz, welcher «Cartoon Design»-Wettbewerb ist gemeint? Bindu schrieb mir, «Swiss Seva» bedeute dasselbe wie «Swiss Service»; mehr wusste sie auch nicht …

Quellen:
• Wörterbuch der Sozialpolitik (socialinfo.ch)
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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Bilder der Wirtschaftsgeschichte im «Bahnhöfli» Wichtrach
(12/09/08—20, Dec12 ergänzt)


Das Wichtracher «Bahnhöfli», an der BLS-Strecke Bern–Thun gelegen, veranstaltet Konzerte und zeigt seit Jahren Werke verschiedener Künstler der Malerei und Photographie. Über Nina lernte ich Ueli (den Ver-Pächter) kennen, wir gingen dann ein paarmal dort essen — ich kann Oliviers Kochkunst, Brigittes Team und ihren Weinkeller sehr empfehlen —, und im Frühling kamen wir im Gespräch zur Idee einer Ausstellung historischer Wertpapiere. Denn schliesslich sind Finanz & Wirtschaft kein Privileg einer irgendwelchen Elite, sondern gehen uns alle unmittelbar an: Es ist unser Bier. Je mehr wir uns darum kümmern und uns einmischen, desto weniger bleibt die Ökonomie fremd und fremdbestimmt.

«Historische Wertpapiere im «Bahnhöfli» Wichtrach»
die Vignette der BLS-Prioritätsaktie 1. Ranges von 1923 (full, PDF)

So sind vom 9. September bis 2. Dezember 2012 in der Galerie des Restaurant «Bahnhöfli» in Wichtrach alte Aktien, Obligationen und andere wirtschaftsgeschichtliche Dokumente zu sehen. Die Ausstellung, entstanden in Zusammenarbeit mit der HIWEPA, zeigt in 29 Rahmen historische Wertpapiere zum Thema Aaretal und Umgebung, Bahnen weltweit sowie Wein.

«STELLA Aktiengesellschaft für Schaumweinbereitung, Zürich 1889»
STELLA Aktiengesellschaft für Schaumweinbereitung, Zürich 1889,
Aktie zu CHF 1'000, Blankett
(big);
der Betrieb stellte in Unterengstringen bei Dietikon/ZH Schaumwein her,
mit eigenen und mit Trauben aus dem piemontesischen Saluzzo

Gezeigt werden u.a. Aktien der Kieswerk Wichtrach AG und des Hôtel Gurnigel, ein Anteilschein des FC Thun 1898 sowie das Los der Münsterbau-Lotterie von 1890. Ausgestellt sind auch Obligationen der Kaiserlich Chinesischen Tientsin–Pukow Staatseisenbahn und der Moskau–Jaroslaw–Archangel-Eisenbahn sowie eine SBB-Anleihe der Eidgenossenschaft.

«Schweizerische Eidgenossenschaft/Schweizerischen Bundesbahnen SBB», Bern 1938
Schweizerische Eidgenossenschaft/Schweizerische Bundesbahnen, Bern 1938,
3%-Obligation zu FFR 1'000;
das Wertpapier ist im Facsimile signiert von Bundesrat Albert Meyer
und zeigt eine Ansicht des legendären
«Roten Pfeils»

Ältestes Stück ist eine Obligation der «Compagnie des Chemins de Fer de la Ligne d'Italie par la Vallée du Rhône et le Simplon» von 1857. Diese Gesellschaft versuchte als erste von schliesslich sechs Unternehmen, den Simplon zu durchstechen.

«Compagnie du lait BERNA», Paris 1925
Compagnie du lait BERNA, Paris 1925, Aktie zu FFR 100 (big);
die international erfolgreiche Berna Milk Co. musste 1935 dennoch
aus wirtschaftlichen Gründen liquidiert werden, und die Marke ging
über die italienische Cirio-Gruppe an den Lebensmittelkonzern Parmalat;
dieser Titel illustrierte auch die Notiz zur Ausstellung im «Berner Bär»
(die entsprechende Meldung im «Berner Landbote»)

Gerne hätte ich auch die Titel lokaler Mosterei- und Obstverwertungs-Genossenschaften gezeigt. Den Münsinger Anteilschein (einst in meinem Besitz) schätzte ich vor Jahrzehnten als ziemlich selten ein — ich habe mich «leider» nicht getäuscht, denn ich konnte für die Wichtracher Ausstellung kein einziges Stück mehr auftreiben …

«Mosterei- u. Obstverwertungs-Genossenschaft des Aaretals», Münsingen 1913
Mosterei- und Obstverwertungs-Genossenschaft des Aaretals,
Münsingen 1913, Anteilschein zu CHF 1'000 (big, 1966er);
dazu die Titel der Genossenschaften Kiesen und Mühlethurnen

PS: Der Wettbewerb zur Ausstellung ist speziell — kein aufmerksamer Teilnehmer geht leer aus, denn alle(!) Zettel mit fünf richtigen Antworten gewinnen (zumindest) einen Trostpreis. Sämtliche Preise sind ein Sponsoring der HIWEPA: Merci!

Bahnhöfli Wichtrach — Ausstellung Historische Wertpapiere
im Rückblick, am 03.12.: links eine Genussaktie der Pariser Métro von 1939,
rechts eine Prioritätsaktie der Brazil Railway Company von 1910 (big)
   
«Black Swan 1854 stamp»
«Black Swan 1954 cinderella»
«Black Swan Scotch Whisky»
das Muritram oder s'blaue B&auhnli


PPS (2012/12/19): Knapp die Hälfte der Wettbewerbsteilnehmer warf gewinnende Zettel in die Box, nämlich
1) Das Bier — von J.W. von Goethe 1779 anlässlich seiner Schweizreise genossen und im «Faust» verewigt — wurde in Burgdorf gebraut.
2) Eduard von Goumoëns-Wyss zeichnete die Aktie der Bern-Muri-Gümligen-Worb-Bahn — und er war Schlossherr.
3) Das erste Frauenrestaurant der Stadt Bern war nicht das gezeigte «Familien-Restaurant Dählhölzli», sondern das bereits 1902 gegründete «Daheim».
4) Der wohl berühmteste Leichttriebwagen der SBB — dargestellt auf dieser Eidgenossenanleihe von 1938 — ist bis in unsere Tage der «Rote Pfeil».
5) Die Stahlstich-Vignette der B&O zeigt den «Tom Thumb» mit drei angehängten Wagen — doch nur zwei beförderten Passagiere.

Quellen:
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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Ein genialer Pfadfinder ist Geschichte — THX …
(11/10/06)


«Steve Jobs PIXAR Luxo Jr. lamp sad dark»
… ohne Steve Jobs' Vision gäbe es u.a. weder KiK noch ghidelli.net (stocks)

Quellen:
• Luxo Jr. picture (detail) in deviantART; by phalexandre, São Paulo/BRA

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Vor bald 30 Jahren: ein Gespräch zur Scripophilie
(11/09/04, 2012/13 mit Originalbildern ergänzt)


Beim Sichten einer Sammlung wurde ich an einen Bericht erinnert: Im Frühling 1982, im Vorfeld der ersten Auktion der 1980 gegründeten HP-Verlags AG führte Otto Vetsch (Chefprokurist beim Schweizerischen Bankverein, heute UBS) ein Interview mit mir.

«Les 3 Clefs/Die 3 Schlüssel/Le 3 Chiavi — Personalzeitung des Schweizerischen Bankvereins»
die Personalzeitung des Schweizerischen Bankvereins

Die eine Feststellung oder andere Spekulation mag im Rückblick interessant erscheinen (und vielleicht anregend sein), deshalb wird der Gedankenaustausch hier wiedergegeben. NB. Die Bilder sind aus dem Artikel übernommen, in Schwarzweiss bzw. Bankverein-Türkis gehalten und 2012/13 mit Aufnahmen in originaler Farbgebung ergänzt.

«Historische Wertpapiere … ein noch junges Sammelgebiet»
Titel des Interview in der Ausgabe vom April 1982

«Täglich wird damit gehandelt, darüber geschrieben und gefachsimpelt — zu Gesicht bekommen sie jedoch die wenigsten. Wenn von Wertpapieren die Rede ist, denkt man in erster Linie an Kapitalanlage und Rendite, an Bullen, Bären und Blue Chips. Dass Aktien und Obligationen auch sonst sehr attraktiv sind und besonders nach ihrem «Börsendasein» (Rückzahlung, Konkurs, Umwandlung usw.) einen neuen Reiz gewinnen, zeigt die Entwicklung der Scripophilie — so nennt sich vornehm das Sammeln von alten Wertpapieren.
Waren es vor rund zwei Jahrzehnten nur gerade einige Börsianer, die sich auch in der Freizeit nicht von den Titeln trennen wollten, so begeistern heute diese historischen Papiere immer mehr Leute aus den unterschiedlichsten Branchen. Vereine wurden gegründet, in der Schweiz der «Swiss Nonvaleurs Club» Ende 1979, Auktionen veranstaltet, Kataloge und Zeitschriften herausgegeben.
Unser Mitarbeiter, Otto Vetsch, vom Sitz Bern, unterhielt sich mit dem Chefredaktor des «HP-Magazins für Historische Papiere», eine Publikation der HP-Verlags-AG und weltweit die einzige monatliche Fachzeitschrift in diesem Markt.

«Seeländische Wasserversorgungs-Genossenschaft»
Seeländische Wasserversorgungs-Genossenschaft (SWG),
Täuffelen 1920, Prämienobligation über CHF 10 (big)

Herr Ghidelli, Sie sind Chefredaktor der Fach- und Sammlerzeitschrift «HP-Magazin». Können Sie uns kurz Ihr Magazin vorstellen? Was vermitteln Sie Ihren Lesern hauptsächlich?
In erster Linie vermittelt das «HP» Sammlern und Händlern die nötigen aktuellen Informationen: Berichte von Auktionen und Ausstellungen, Clubnachrichten und Hinweise zur gegenwärtigen Marktlage und Preisentwicklung. Dazu kommen Artikel zu einzelnen Papieren oder Teilgebieten, die den wirtschafts- und finanzgeschichtlichen Hintergrund beleuchten. Kompetente Mitarbeiter und Leser tragen dazu bei, die Zeitschrift vielfältig und sachgerecht zu gestalten. Das «HP» möchte also vor allem ein Hilfsmittel für Neusammler und «alte Hasen» im Markt der historischen Wertpapiere sein.

Sicher sind Sie auch Sammler von alten Wertpapieren. Wie sind Sie zu diesem Hobby gekommen?
An schönen Dingen hatte ich schon immer Freude, und ich pflegte regen Kontakt mit Antiquaren und Trödlern. Obwohl ich von der Ausbildung her wenig mit Geld und Wirtschaft in Berührung kam, gefielen mir besonders die alten Dokumente. Zufälligerweise fand ich dann ein Bündel Prämienobligationen des Schweizerischen Eisenbahnvorarbeiter-Verbandes zu einem günstigen Preis. Als ich einige Tage später die Kleinanzeige im «Bund» las, «Ich suche alte Aktien und Obligationen», war es geschehen: Nach einem längeren Telefongespräch hatte ich die Papiere verkauft, und mit den 80 Franken erhielt ich auch die Preisliste dieses Händlers — nach kurzer Zeit war ich Stammkunde. Das war vor rund fünf Jahren. Später verfasste ich dann kleinere Ausstellungskataloge und Editoriale, und im Oktober 1980 landete ich beim neugeborenen «HP» als Schreiberling für Scripophilisten.

«Nouvelle Compagnie de la Ligne Internationale d'Italie par le Simplon»
Nouvelle Compagnie de la Ligne Internationale d'Italie par le Simplon
(Chemins de Fer et Navigation), Paris 1868;
Obligation zu 3¾% FFR 400 sowie die Aktie zu FFR 125

Für eine Fachzeitschrift in einem doch noch jungen Sammelgebiet hat das «HP-Magazin» eine stolze Auflage von rund 3000 Exemplaren. Gibt es überhaupt so viele Sammler in der Schweiz?
Hierzulande zählt man einige Hundert ernsthafte Sammler. Aber das «HP-Magazin» versorgt den gesamten deutschsprachigen Raum. Hinzu kommen Leser in weiteren sechs europäischen Ländern sowie in vier Ostblockländern (das «HP» gehört zwar dort zu den sogenannt «nichtabonnierbaren» Publikationen, aber man beschenkt sich eben gegenseitig …). Eine Anzahl Abonnenten lebt in in den Vereinigten Staaten, und der entfernteste Leser wohnt in Kobe, Japan. Der weitaus grösste Teil unserer Leser kommt aus Deutschland, und der HP-Verlag hat eine Agentur in Deutschland und in den Niederlanden.

Welche Tips würden Sie einem Anfänger zum Aufbau einer Sammlung mit auf den Weg geben?
Als erstes sollte er sich möglichst auf etwa zwei Gebiete beschränken, obwohl dies wegen der Vielfalt schöner und attraktiver Papiere nicht leicht ist. Zur Auswahl stehen einzelne Länder oder Gebiete, Epochen oder Branchen. Am häufigsten wird nach Branchen gesammelt, wie z.B. Banken, Eisenbahnen, Bergbau, Medizin oder Automobile. Eine andere Möglichkeit sind Autographen: Obwohl diese schon ziemlich teuer sind, haben Titel mit Originalunterschriften von Persönlichkeiten aus dem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben ihren besonderen Reiz. Als Beispiele seien erwähnt: Rockefeller, Wells & Fargo, Ford, Siemens, Fürstenberg, Johann Strauss und sogar Beethoven.
Sehr wichtig ist es dann, dass sich der Neusammler möglichst viel Informationsmaterial, seien es Preislisten, Artikel oder Kataloge, beschafft und Kontakte zu anderen Sammlern und Händlern unterhält. So findet er sich am schnellsten im Markt zurecht, bleibt vor Enttäuschungen verschont und kann sich an den alten Wertpapieren echt erfreuen.

«Société de Navigation Transocéanique»
Société de Navigation Transocéanique, Paris 1920, Inhaberaktie zu FFR 500
(big), deren ungewohnt hübsche Rückseite mit Darstellung der
Destinationen New York City und Rio de Janeiro
sowie die Obligation derselben Gesellschaft

Welchen Umständen schreiben Sie die stetige Zunahme der Sammler zu, oder anders gefragt, was macht Ihrer Ansicht nach dieses Sammelgebiet so attraktiv?
In erster Linie die Schönheit der alten Wertpapiere: Von den äusserst kunstvoll gestalteten Stahlstichvignetten bei den Amerikanern über die prächtigen französischen Lithographien und reinen Jugendstilpapiere bis zu den grossformatigen und farbenfrohen Chinesen aus der Kaiserzeit.
Den «inneren Wert» erkennt man, sobald man sich näher mit ihnen befasst: Ohne Aktien, Anleihen, Schuldverschreibungen usw. wäre vieles in unserer Welt nie geschaffen und gebaut worden; es gäbe weder Eisenbahnen, noch Autos, Banken oder Erzeugnisse irgendwelcher Art — auch keine Zeitungen. Kurz gesagt sind alte Wertpapiere illustrierte Wirtschaftsgeschichte; durch diese historischen Titel kann man die Vorgänge in der Wirtschaftswelt — wenigstens zum Teil — veranschaulichen. Ein englischer Journalist hat in diesem Zusammenhang den treffenden Ausdruck «Industrial Archaeology» geprägt.
Ein weiterer Grund liegt wohl darin, dass die Scripophilie in andere Sammelgebiete fliesst: Numismatik, Autographen und Grafika; der Zugang zu den historischen Wertpapieren wird dadurch erleichtert.

Wie steht es mit den Preisen? Kann sich heute ein Normalverdiener überhaupt noch diesem Hobby zuwenden, oder ist der erforderliche finanzielle Einsatz schon zu hoch?
Auf keinen Fall. Wie in allen Sammelgebieten bewegen sich die Preise in einem weiten Rahmen: Schon für weniger als zehn Franken bieten Händler dekorative Titel aus den unterschiedlichsten Ländern und Branchen an. Verlangt der Sammler nach qualitativ höherstehenden Stücken, steigen die Preise selbstverständlich. Doch auch gute Titel sind durchaus nicht teuer, wie z.B. US-Eisenbahnen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, wenn man das Alter, die ursprüngliche Auflage und die Grafik in Betracht zieht.

«Glen Alden Coal Company»
Glen Alden Coal Company, 1938,
Zertifikat über 100 Aktien ohne Nennwert (big)

Das führt uns gerade zur nächsten Frage: Herr Ghidelli, wie stellen Sie sich zur Frage «Historische Wertpapiere als Kapitalanlage»? Sicher haben Sie diese Frage von einem Bänkler erwartet.
Der HWP-Markt steht heute auf einer gesunden Grundlage, so dass eine Rückkehr zum «Bierdeckel-Image» nicht mehr in Frage kommt. In bezug auf eine Kapitalanlage sind dieselben Überlegungen anzustellen, wie bei anderen Sammelgebieten auch: An der sogenannten Massenware wird sich nie viel verdienen lassen. Bei Topstücken hingegen haben die letzten Jahre deutlich gezeigt, dass Preissteigerungen durchaus drinlagen: Das eingesetzte Kapital wurde besser verzinst, als bei jeder anderen Anlagemöglichkeit. Auch in Zukunft wird ein Stück, das die Kriterien Alter, Auflage, wirtschaftsgeschichtliche Aussagekraft, Schönheit, evtl. Unterschrift und Zustand erfüllt, seinen preislichen Weg machen. Auch Bänkler können sich also an alten Wertpapieren erfreuen!
Eine goldene Nase über Nacht verdienen, ist aber auch hier nicht möglich. Es braucht dazu Fachkenntnisse und eine kompetente Beratung durch den Händler. Dieses Wissen kann sich jeder aneignen, und der Aufwand macht sich sicher bezahlt.
Voraussetzung für eine Kapitalanlage in HWP ist jedoch, dass der Käufer zum erworbenen Stück eine Beziehung aufbauen kann; das Papier muss ihm zuallererst gefallen. Dass der Liebhaber, der mit gesundem Menschenverstand und gutem Geschmack einkauft, zugleich sein Kapital erfolgreich anlegt, hat sich immer wieder gezeigt. Paul Getty, ein Mann, der wie wenige andere eine Menge von Kapitalanlage und Kunstsammeln verstand, nannte dies «Instinkt des echten, kunstbegeisterten Sammlers».
Weil die Preise heute noch niedrig sind im Verhältnis zu anderen Sammelgegenständen, wage ich die Prognose, dass in einigen Jahren die Scripophilie einen wichtigen Platz unter den Antiquitäten einnehmen wird — die Preise werden dementsprechend sein.
Dass die Anerkennung der HWP wächst, zeigt sich auch daran, dass einige deutsche Bankinstitute alte Wertpapiere am Schalter anbieten. Ein anderes, besonders schönes Zeichen ist die gegenwärtig am Sitz Bern stattfindende Ausstellung historischer Wertpapiere — eine der gepflegtesten, die es je gegeben hat!

«Société Agricole Africaine»
Société Agricole Africaine S.A., Paris 1926, Inhaberaktie zu FFR 500 (big)

Danke fur dIe Blumen. Dieses Kompliment leite ich sehr gerne an unseren Schaufensterdienst weiter. Sehen Sie, Herr Ghidelli, so wie der Künstler nicht nur von der Gage, sondern auch ein wenig vom Applaus lebt, so freuen wir Bankangestellten uns über ein Lob. Jetzt hätte ich noch eine andere Frage. In der Oktober-Ausgabe des «HP-Magazins» kündigten Sie auf den 15. Mai 1982 die «1. Auktion für Historische Wertpapiere» der HP-Verlags-AG an. Bei diesem Datum handelt es sich um den Vortag der 11. Internationalen Münzenbörse Berna in Bern. Ist dies ein Zufall, oder haben Sie für die 1. HP-Auktion bewusst das Börsen-Wochenende gewählt?
Die Berna stellt als einzige schweizerische Münzenbörse den HWP-Händlern einen besonderen Saalteil zur Verfügung. Dies bringt entsprechend Händler und Käufer nach Bern. Aus diesem Grunde haben wir uns für den Samstag 15. Mai entschieden.

Wird sich Ihr Auktionskatalog auf Spezialgebiete der Scripophilie beschränken, oder werden alte Wertpapiere aus allen Bereichen zum Ausruf gelangen?
Unsere Auktion ist öffentlich und jedermann kann Titel einliefern. Darum wird das Angebot Papiere aus allen Ländern und Branchen enthalten. So erreichen wir auch einen grösseren Interessentenkreis.

«Home Insurance Company»
Home Insurance Company, 1964,
Zertifikat über vier Stammaktien mit Nennwert USD 5.00 (big)

Herr Ghidelli, würden Sie einem Anfänger raten, an der Auktion zu kaufen, oder sich an die an der Münzenbörse vertretenen Händler zu wenden?
Sowohl als auch: An der Versteigerung werden u.a. auch Spitzenstücke, echte Leckerbissen ausgerufen, wie man sie in solcher Auswahl beim Händler nicht oft findet. Wer also das Besondere sucht, wird an der Auktion sicher auf seine Rechnung kommen.
Anderseits bietet die Börse eine vorzügliche Möglichkeit, die vorher erwähnten Kontakte mit Sammlern und Händlern anzuknüpfen, Ratschläge einzuholen, Preisvergleiche zu ziehen und so günstig zu Titeln zu kommen — mit HWP-Händlern darf noch gemarktet werden!
Das Berna-Wochenende ist geradezu auserlesen, um die «Feuertaufe» als Scripophilist zu erleben.

Herr Ghidelli, wir danken Ihnen herzlich für Ihre Ausführungen. Und viel Erfolg mit Ihrer HP-Auktion!»

«Tramway Électrique de Rome à Civita-Castellana»
Tramway Électrique de Rome à Civita-Castellana, Bruxelles 1904,
Inhaber-Stammaktie über BFR 100; ein herrliches Jugendstil-Papier (big)

PS: An der 1. HP-Auktion wurden rd. 80% des Angebots oder um 400 alte Wertschriften für insgesamt knapp CHF 50'000 zugeschlagen — damals ein beachtliches Ergebnis, heute kann allein ein wirkliches Spitzenstück soviel (und mehr) bringen —; ich verliess den HP-Verlag Mitte 1982 (als die Redaktion nach Deutschland verlegt wurde); der Swiss Nonvaleurs Club nennt sich seit März 1986 Scripophila Helvetica, und das HP-Magazin fand nach einer jahrelangen skurrilen Odyssee im November 2001 einen bodenständigen Phœnix: der aktiensammler wurde Ende 2012 beerdigt; die einzige, monatlich erscheinende und deutschsprachige Fachzeitschrift wird seit Frühjahr 2013 von Ulrich W. Hanke verlegt unter dem Titel «NONVALEUR Nachrichten | News».

Quellen:
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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Une Suisse à Tanger
(11/06/17)


Weshalb gründet jemand eine Firma mit Namen «Irène S.A.» und Sitz im marokkanischen Tanger, aber dem Gesellschaftskapital in Schweizer Franken? Immerhin ganze CHF 100'000 im Jahr 1940, eingeteilt in Inhaberaktien zu je CHF 500 und mit lediglich fünf Zertifikaten dargestellt: 1, 2–60, 61–110, 111–160 und 161–200.

«Irène S.A.»
Irène S.A., Tanger 1940, Zertifikat Nr. 2 über 59 Aktien zu CHF 500 (big)

Mich nahm das Unternehmen wunder, seine Geschichte; wer unterschrieb die Stücke — und wer war Irène? Doch herausgefunden habe ich herzlich wenig, weder in Publikationen unserer Gilde, noch im Internet oder sonstwo.

«Irène S.A., drei Titel»
die Titelschrift von Hand, in drei Varianten (big)

Gemäss Marc-Edouard Enay dürfte es sich um eine der zahlreichen Spekulantenfirmen gehandelt haben, die sich in der damaligen «Internationalen Zone» verlustierten (s. Enay, Le Maroc en Scripophilie, SS. 64/65 und #397).

«Irène S.A., zwei Ecken»
die obere rechte Ecke der Zertifikate Nr. 1 und Nr. 4 (big)

Auch ohne konkrete story ist dieses Papier bemerkenswert: Von Grund auf äusserst selten, steckt es voller Fantasie und wurde — Zertifikat für Zertifikat — von Hand(!) mit Tusche und einer mechanischen Schreibmaschine gestaltet.

«Irène S.A., zwei Ecken»
die Angaben auf den Zertifikaten Nr. 1 und Nr. 2 (big)

Weshalb nicht durchweg maschinengeschriebene Titel, warum verziert mit Firmenschriften und gezogenen Umrandungen? War es Ausdruck stolzer «Entrepreneurship» oder schlichtweg effiziente Ökonomie? Yep, ein nebensächliches Rätsel der Scripophilie, aber ein hübsches — und vielleicht bekommt Irène d'antan irgendwann ein Gesicht …

Quellen:
• im Text genannte und eigene Unterlagen (die Titel sind längst in Sammlungen verschwunden; geblieben sind mir die Textvorlage von etwa 2005, ein Farbbild und ein paar s/w-scans)

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Mein lieber Schwan …
(11/01/01, ergänzt 11/05/22 und 11/07/21)


Am letzten Tag 2010 überraschte uns ABC's «Good Morning America» (und weltweit mittels copy/paste autonom nachzottelnde Medien) mit einer bedeutenden Meldung: Bill Richardson, der abtretende Gouverneur New Mexikos, verweigerte die postume Begnadigung des «Revolverhelden» und mehrfachen Mörders Billy the Kid: «die Sachlage ist nicht eindeutig», nach fast 130 Jahren …

«American Broadcasting Companies»
American Broadcasting Companies, Inc., 1980,
Specimen eines Aktienzertifikates
(big)

Die Nachricht wäre mir kein Komma wert, gäbe es nicht einen eher unscheinbaren Bergbautitel mit der Unterschrift von Patrick «Pat» Floyd Garrett. Der Sheriff aus Lincoln County brachte am 14. Juli 1881 seinen Ex-Kumpel, den nach einem wilden Feuergefecht entflohenen Henry McCarty — oder William Bonney alias Henry «Kid» Antrim aka Billy the Kid — in Fort Summers endgültig zur Strecke. Governor Richardsons letzte Amtshandlung ist die Gelegenheit, das ziemlich seltene Papier zu zeigen (mir sind rund ein Dutzend Exemplare bekannt, und dies ist das beste Stück).

«The Alabama Gold and Copper Mining Co., Pat F. Garrett»
The Alabama Gold and Copper Mining Co., Jarilla/NM 1899, Zertifikat zu 200
Aktien, ausgestellt auf Pat F. Garrett und von ihm als Secretary signiert
(big)

Mit diesem legendären Schusswechsel verabschiede ich das kurlige 2010 … ein eigenartiges Jahr in einer merkwürdigen Zeit. Der umwälzende «Schwarze Schwan» wird üblicherweise als Symbol der negativen Überraschung malträtiert. Dabei ist das hübsche Tier — hier im Flug — schlicht ein Bild fürs unerwartet Prägende. Dieser seltene, sich im natürlichen Chaos heimisch fühlende Kerl ist ab und zu weiblicher Natur, sie kielt die Revolution und ermöglicht grundsätzliche Veränderungen. Sowohl die offenbar festgefahrene Arroganz eines rohen, kurzsichtigen Kapitalismus, als auch die faul delegierende sozialistische Elite-Religion benötigen dringend anarchisch befreiende Querschläger — keinen bequemen «Dritten Weg», sondern radikal; der Schwan ist meist lieblich, aber zuweilen angriffslustig ;-)

«Black Swan label»
Black Swan, um 1925, Etikette für ein Standard-Fass (119 l), ø 32 cm (big);
nicht nur als Film ist das Tier bekannt:
   
«Black Swan 1792»
«Black Swan 1854 stamp»
«Black Swan 1954 cinderella»
«Black Swan Scotch Whisky»


Der Beginn eines neuen Jahres ist für manche eine Wette: Wer wird abgehakt, was bringen die quick wins, wie sieht das nächste Quartalsziel aus — just hurry up! … man kann es auch anders betrachten: grundlegend, langfristig, vernetzt und «Black Swan»-tauglich.

«Happy New Year Investment Co., 1889»
Happy New Year Investment Co., 1889, Zertifikat für 365 glückliche Tage;
ein äusserst seltener scripophiler Wunschzettel
(big)

Unsere Breitengrade tanzen weiter im Viervierteltakt des Wall Street Blues, während andernorts täglich Menschen wegen brutal engstirniger Gier leiden und im Hunger sterben. Jean-Paul Sartre sagte: «Vielleicht gibt es schönere Zeiten — aber diese ist die unsere» … Also packen wir das Chaos frisch an — nachhaltig; jedes Aufwachen ist ein neuer Investment Day.

«Black Swan Hotel, Helmsley»
«Black Swan» kann ein heimisch spannendes Zuhause werden — sofern
man neugierig (& why not mit Lust?) «Selbstverständliches» in Frage stellt,
denn das klapprige Schubladenmuseum kippt sowieso …;
btw: der link zum tatsächlich existierenden «Black Swan» in Helmsley (pc)

In diesem Sinne: gesunde, spannend mutwillige und immer wieder ein paar helle, glückliche 365 Neue Tage — happy 2011! — mit einem freundlichen Gruss aus der herausfordernden, anscheinend «very successful, but frequently frustrating alpine democracy»¹ ;-)

PS/Jan11: Das Zweitwichtigste (nach den Wünschen) habe ich am Neujahrsmorgen glatt vergessen: Bei dieser Gelegenheit hinzuweisen auf Nassim Nicholas Talebs «Der Schwarze Schwan — Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse».

«Taleb Black Swan»
deutsch 2008 erschienen bei Hanser, ISBN 978-3-446-41568-3

Es gibt (zum Glück) sehr viele Bücher, doch die meisten Autoren stehlen einem die Zeit; darum geniesse ich ein wirklich gutes Buch wie ein unerwartetes Geschenk. Taleb ist nicht nur ein begabter Plauderer (obwohl er in der deutschen Übersetzung manchmal sperrig wirkt) — sein «Black Swan» ist unverschämt intelligent, spannend und witzig: ein gründlich anregendes und deshalb wertvolles Buch.

«Wu Guanzhong, Black Swans and Reed»
Wu Guanzhong, Schwarze Schwäne im Schilf, 2001, Tusche, 47.5 x 60.5 cm;
ein Original des 2010 gestorbenen Meisters
(big)

NNTs erster Kassenschlager «Narren des Zufalls» scheint noch besser zu sein ist nicht besser als der «Schwarze Schwan» (wie viele meinen): Er fokussiert anders und kümmert sich allgemein um das Phänomen des Zufalls, seine scheinbar bekannten Farben und die überraschenden Facetten; das Buch ist ein wunderbar vergnüglicher Reisebegleiter durchs menschliche Gedankenland (und deshalb die Zeit des Lesens wert). Den «Schwan»-Nachtrag kann man übrigens auch hören, die Aphorismen-Sammlung «The Bed of Procrustes» ist btw ein Schmuckstück für Bibliophile — und last but not least der link zu Talebs erfrischend eigenwilliger website (mit sublink zu seinem Notizbuch).

Quellen:
¹ Peter R. Coneway, 2006–2008 unter George W. Bush Botschafter der USA in Bern, in einer vertraulichen Depesche an die damalige Aussenministerin Condoleezza Rice (to be fair — vielleicht war sie sogar integer & gutgläubig, wie Colin Powell; schade wurden beide von Corporate America verheizt …)
• eigene Unterlagen

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reset!
(09/03/20)


Der Winter war frostig und lang … Es begann vor knapp einem Jahr mit dem Wackelpudding amerikanischer Banken, dann im Hochsommer die monströsen Preise für ein Fass Öl (sowie die kranke Zockerei auf Nahrungsmittel!), und schliesslich im Spätherbst der tiefe Fall: der Kollaps einer global gedopten Schuldenfinanzierungsmaschinerie, die lange kaschierte, aber tatsächliche Pleite des «Systems».

«Kentucky Fuel Co. stock certificate»
Kentucky Fuel Company, Saco/ME 1890, Zertifikat zu 100 Stammaktien (big);
seit Jahren bekannt sind mir insgesamt nur gerade 17 Stück, alle auf den
Präsidenten N.H. Harris ausgestellt (dieses Stück ist vorder- und rückseitig
handsigniert
); der Firma gehörte anscheinend u.a. diese Mine in Harlan/KY

Dann wurde es kalt, bitterkalt, mit allen bekannten und befürchteten Auswirkungen; die weltweiten Verluste von bisher geschätzten USD 50'000'000'000'000 sind nur der buchhalterische Erfolg dieser Bonanza. Und was passiert? Anstatt sich an einen Tisch zu setzen, sich zusammenzuraufen und gemeinsam eine umfassende Lösung zu suchen, wird dumm/dumb linksrechts eingedroschen, laut zum nächsten «bank bashing» getrommelt und feige der Schwarzpeter weitergereicht. Zunächst wähnt man sich im falschen Film, muss aber bald erstaunt feststellen: Dieser Streifen ist der blockbuster, und er läuft überall — aber hallo?! Lieber anbiedernd dröhnen und wursteln, anstatt ernsthaft grübeln und bewegen?

«Stormont Mining Company of Utah, 1886, vignette»
kindlich ist hübsch, doch kindisch ist schlicht daneben …;
Stormont Mining Company of Utah, 1886, Mittelvignette
(big)

Es gab Zeiten, da gingen befreundete Nationen guten Willens auf rechtsstaatlicher Ebene miteinander um, nämlich anständig. Doch nun steht dem Einen, dem Anderen und dem Dritten das Wasser mehr als bis zum Hals — und kaum ein Politiker wagt den Wählern zu sagen, wieviel von dieser Brühe im eigenen Bottich gegoren wurde und welchen Auslöffel sie ihren Kindeskindern vererben werden.

«WestLB Finance Netherlands B.V. 1993»
links gepresst/rechts optimiert — Pilatus wäscht und koordiniert …
eine staatliche (also Bürger-eigene) Landesbank kümmert sich um
«gegenwärtige oder zukünftige Steuern, Abgaben, Veranlagungen
oder regierungsseitige Gebühren gleich welcher Art
(nachfolgend insgesamt ‘Steuern’ genannt)»;
WestLB Finance Netherlands B.V., 1993/2003, 7%-Anleihe NLG 5'000
(big)

Offenbar darf man heute drangsalieren und den langjährigen buddy in bester Mobster-Manier erpressen, und ebenso kann man hoch zu Ross in schnoddrig billigem Stakkato mutwillig Steinbrücken zerbröckeln. Alles armselig kurzsichtige Holzwege, die im Nassen gefährlich rutschig sind; der nächste Regen kommt bestimmt. Mag die Peitsche noch so sexy knallen — sie ist weder ein dichter Regenschirm noch ein starker Stock … und: Yep, es wäre heute unschicklich, Soldaten hinschicken zu wollen, und ungeschickt dazu, denn die beiden letzten Male gings bekanntlich in die Hose (das nur nebenbei).

«Société de Banque Suisse/Swiss Bank Corporation, 1962, check»
Schweizerischer Bankverein, Lausanne/New York, 1962, Scheck über USD 53,
zugunsten der «Custódio de Almeida & Cia.», einer in Brasilien beheimateten
Kanzlei für Markenrechte und geistiges Eigentum mit Bankverbindung zur
Manufacturers Hanover Trust Co. in New York (1905 geboren als Citizens
Bank of Brooklyn, geschluckt durch Chemical, heute JPMorgan Chase)
(big)

«facts are stubborn things» — ein paar Fragen: Wer leitete die nun maroden Landesbanken, wer zeichnete verantwortlich für die freaky Maes'n'Macks und liess Lehman kalt den Buckel runter rutschen? Wohin flossen die tonnenschweren Steuereinnahmen der letzten Jahre, Jahrzehnte, und wer profitierte davon? Warum dürfen angelobte Vorbildpfaffen, sogar Finanzminister ungestraft Einkünfte vergessen, wenn Normalsterbliche genau deswegen kriminalisiert werden, und wieso eigentlich schulden international tätige Beamte gar keine Einkommensteuer? Wer kassiert auf den gekrönten Inseln, im tiny First State und an Little Cubas Palmenstränden? Wessen Partei-Obristen verschoben ihre Pfründe? Welche «Public Service»-Chefs und Gewerkschafts-Bosse suchten eine Fluchtburg? Das alles und noch viel mehr ergäbe eine äusserst spannende Liste …

«Société de Banque Suisse/Swiss Bank Corporation, 1962, check»
… wer strandete denn in FL — die Zweigstelle der heimischen Sparkasse,
das Konstrukt zur Steueroptimierung, ein felsenfester Trust oder gar eine
globale Geldwaschanlage? nahhh, zu komplex gedacht, es ist schlicht

Anders gefragt: Wohin versetzen Regenten und Regierte aus aller Welt ihre Einkünfte, weshalb flieht so viel Kapital und Know-how u.a. in die Schweiz, warum gehen Gewinn und Grütze dem eigenen Land verloren? Ist das im Dezember 2006 eingeführte, formalisierte und prämierte (bzw. ebenso willkommene anonyme) Denunzieren der einzig mögliche, wirklich der richtige Weg? Das sind btw Hausaufgaben eines jeden Häuptlings — und die Frage ist nicht nur philosophischer Natur, sondern politischer Alltag: Sind denn Bürger souverän oder Untertanen?

«Little Miami Railroad Co., 1853»
Little Miami Railroad Company, 1853, Zertifikat über 10 Stammaktien;
der Name kann täuschen: Die Firma hat mit Miami/FL nichts zu tun, sondern
wurde 1836 als zweitälteste Eisenbahn Ohios gegründet und verband
Cincinnati entlang des Little Miami River über Xenia mit dem rund
84 Meilen entfernten Springfield; die Gesellschaft wurde 1869 an die
Pittsburgh, Cincinnati and St. Louis RW/Pennsylvania RR verpachtet
(big)

Die Schweiz lechzt nicht nach Blutgeld, sie verweigert kriminelle Bündel und lehnt selbst das Waschen der Kaffeekasse allfälliger Despoten und ihrer Coucousins ab — wie halten es andere damit? Die Eidgenossenschaft muss weder kuschen und sich aufs Rütli oder gar ins Reduit zurückziehen, noch soll sie die Wehranleihe neu auflegen und Ressentiments aus der Mottenkiste hervorholen. Die Schweiz ist stark genug, sie hat ein paar sehr gute Trümpfe in der Hand, aber es fehlt an Selbstvertrauen und Phantasie, die Moralinsucht grassiert — und vor allem muss man endlich begreifen: Das liturgisch vorgetragene Selbstzerfleischungstheater nützt allen, nur nicht uns. Kein Wunder, zeigen die mächtig Lustigen der Schweiz die Tür (aber man muss auch nicht auf jede x-beliebige G'whatever PolitParty tanzen gehen …).

«Wehranleihe der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 1936»
Wehranleihe der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 1936,
3%-Obligation Lit. A über CHF 100, Faksimile von Albert Meyer,
Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung von 1915 bis 1929
und Mitglied des Bundesrats von 1930 bis 1938
(big)

Natürlich ist längst nicht jeder peer von echtem Kaliber. Es stimmt: Gezüchtet (und vergoldet) wurde der gemeine Virus in New York, Washington und London (Frankfurt, Zürich und andere Lokationen infizierten sich idiotisch-blind mit dem selben Fieber). Selbstverständlich soll man rückwärts schauen, um in der Diskussion aus Fehlern zu lernen. Unwidersprochen: Der Kapitalismus als geiler Selbstzweck ist kein Weg. Etc. etc. etc. — aber was nun, wie weiter? Haben wir nur Schönwetter-Strategen, die bestenfalls nette Schulreisli auf die Reihe bringen? Wo sind die Pfadfinder, die Scouts, oder um Lee Iacocca zu zitieren: «Where have all the leaders gone?». Wer schaut vorwärts, zeichnet einen Entwurf, krempelt die Ärmel hoch und packt an?

Heute hat der Frühling 2009 Einzug gehalten. Viel wärmer ist es zwar noch nicht geworden, aber wäre es nicht an der Zeit aufzuhören, am roten Knopf rumzufummeln — wäre es nicht längst fällig, mutig den Reset-Knopf zu drücken? So könnte der kratzende Wollpullover entsorgt und durch ein frisches T-shirt ersetzt werden.

PS: Ich kann es mir zum Schluss doch nicht verkneifen:

«ROE 18%»
Welche staatlich geführte Bank versprach 2002
«systematisch» eine Eigenkapitalrendite nach Steuern von 18%?

…, und wer sass damals im «Supervisory Board» — und weshalb stellte dieselbe Bank u.a. solche Töchter auf die Welt: abc Coleman Ltd., abc International S.A. und abc International Services, abc Moorgate Ltd., abc New York Capital Investment oder abc Securities Inc.? Hier die Einzelheiten.

PPS: Am Schweizerischen Bankiertag vom 17. September 2009 hielt Pierre G. Mirabaud seine letzte Präsidialrede — merci Monsieur! —, und am selben Tag erschien in der ZEIT Clemens Wemhoffs Artikel «Von wegen Steuer-‚Recht’!» (PDF).

Quellen:
• im Text genannte und eigene Unterlagen
• Eduard Galotti, Häuptling Gespaltene Zunge, BILANZ, 27. März 2009

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Inauguration Day
(09/01/20)


Heute ist ein herausragender Tag, und er wird uns in Erinnerung bleiben — aber ghidelli.net ist nicht als blog gedacht, und ich will nicht langweilen. Deshalb sollen Bilder genügen, diesen besonderen Dienstag festzuhalten.

«Baltimore and Ohio RR Co., 1900»
«America» ziert das Zertifikat der Baltimore and Ohio Railroad Co. vom 1900,
im Hintergrund das Kapitol
(big)

«Lincoln Printing Co., 1961»
Abraham Lincoln auf einem 100er-Zertifikat der Lincoln Printing Co. (big)

«U.S. Centennial International Exhibition, 1876»
das Aktienzertifikat zur Weltausstellung in Philadelphia/PA anlässlich der
Hundertjahrfeier der Vereinigten Staaten von Amerika, 1876
(big)

Als Italiener und 300C-Fahrer wird mir der 20. Januar sowieso doppelt in guter Erinnerung bleiben, denn Chrysler und FIAT haben heute eine strategische Allianz vereinbart ;-)

«FIAT S.p.A., 1961»
FIAT S.p.A., Torino 1961, Stammaktie LIT 500;
die
Abbildung zeigt das Gelände des «Mirafiori»-Werks in Turin;
signiert ist der Titel von Vittorio Valletta,
CEO von 1946 bis 1966 und Nachfolger des Gründers Giovanni Agnelli

Zwar könnte man einwerfen, ein Blinder und ein Lahmer hätten zusammengefunden (und es ist sicher keine romantische Liebesheirat), aber erstens ist heute ein Tag des Aufbruchs und der Zuversicht, zweitens traue ich Sergio Marchionne noch einiges mehr zu — und last, but not least: Sowohl FIAT wie Chrysler bringen lange Erfahrung und tiefes Know-how mit, sie haben Automobilgeschichte geschrieben, ihre Produkte sind weitaus besser als das mutlose Marketing anbieten mag, und sie ergänzen sich ausgezeichnet. Auguri & good luck!

Quellen:
• eigene Unterlagen

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Burnie Madoff's soul mate, and two quite other guys
(08/12/25)


Bernard Cornfeld wurde zwar vor Gericht freigesprochen: Anscheinend haben seine eigenen Manager ohne Wissen oder Zutun seinerseits die Zig- und Abermillionen verbrannt — durchaus nachvollziehbar, schliesslich musste Bernie ja ständig an Partys den BigBoss markieren und nebenbei auch noch einen nicht ganz anspruchslosen Fuhr- und Damenpark (u.a. Heidi Fleiss … … klingeling?), eine handliche Flotte Privat-Jets sowie eine weitere Handvoll Liegenschaften in Schuss halten. Gleichwohl steht sein Name für einen der grössten Finanzschwindel der letzten Jahrzehnte (und den bis dahin grössten Finanzskandal in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs; dazu Benedikt Fehr in der FAZ). Anders als Burnie II., der mit seinem Madoff-Familienbetrieb direkt die grossen Töpfe anzapfte, sagenhafte 50'000'000'000 (oder umgerechnet 1 KP, also 1'000 Peanuts) in Asche verwandelte und damit jeden Vorgänger entthronte, machte der weltgewandte Verkäufer mit Genfer Wohnsitz vor rund 40 Jahren trendig auf «Volkskapitalismus», sein «Finanzkonzern» beschäftigte im Vertrieb mehrere Zehntausende «Vertreter» und beglückte hauptsächlich Kleinanleger mit heissen Investitionen.

«I.O.S. Ltd stock certificate»
Investors Overseas Services, 1970, Zertifikat über 100 Stammaktien,
Facsimile von Edward J. Coughlin Jr. und Bernard Cornfeld
(big)

Das Insolvenzverfahren der 1973 Pleite gegangenen Investors Overseas Services (I.O.S. Ltd.) ist noch immer nicht abgeschlossen. Trotz der Prozesse, vieler Experten und eines riesigen Aufwandes konnte bis heute das «Geschäftsmodell» nicht restlos geklärt oder gar verstanden werden (interessant: der «Clarkson-Bericht» von 1985). All diese Dinger wurden wohl im bewährten Schneeball-System gedreht, aber gut versteckt in einer komplexen, undurchschaubaren Struktur von Dutzenden Tochtergesellschaften, Banken, Versicherungen, Anlagefonds und Immobilienfirmen, natürlich angesiedelt in verschiedensten Steuerparadiesen, und selbst viele Geldgeber und ihre mehr verlorenen oder weniger reingewaschenen offshore investments bleiben verschleiert.

«Bernard Cornfeld signature»
Burnie der Erste: Bernard «Bernie» Cornfeld, Präsident der I.O.S. Ltd.

Wie sagte letzthin Bernie Madoff? «The Owner's Name is on the Door» — yep, zumindest kann man so den allfälligen Brandstifter gleich benennen, aber man täuscht sich auch andersrum. Der kleine orthographische Unterschied macht es wohl aus: James Robb war kein Räuber, sondern einer der geachtetsten Banker, Finanzierer und Unternehmer seiner Zeit; sogar ein Mississippi-Dampfer wurde nach ihm benannt. Geboren am 2. April 1814 in Brownsville/PA, verlor James mit Fünf seinen Vater, und als Dreizehnjähriger beschloss er mitten im Winter, auf Wanderschaft zu gehen. Nach 22 durch den Schnee gestapften Meilen erreichte er Wheeling und fand einen Job als Botenjunge der Merchants' and Mechanics' Bank. Seiner Mutter schrieb er: «It may be that I may get seventy-two or a hundred dollars a year, If I be a good boy And I hope it may be so.»; eine typisch amerikanische Karriere begann. Neugierig und hartnäckig, lernte er rasch und eignete sich breites Wissen an, hauptsächlich in der klassischen Vermögensverwaltung, im Wertpapierhandel und am Risikokapitalmarkt; er wurde Banker im umfassendsten Sinn. 1837 zog der dreiundzwanzigjährige Robb nach New Orleans und gründete sein eigenes bescheidenes Geschäft mit unüblichen Währungen und (als Folge der Krise von 1837) nicht mehr handelbaren regionalen Banknoten.

«James Robb & Comp., Bankers, Sekundawechsel»
«James Robb & Comp., Bankers», New Orleans/LA 1857, Sekundawechsel
über USD 68, handsigniert von James Robb im Namen seiner Bank
(big)

Der tatendurstige Banker weitete sein Geschäft aus und kontrollierte ab 1842 die New Orleans Gas Light Co. Drei Jahre später besass er nebst dem Hauptsitz in New Orleans sieben weitere Firmen (darunter fünf Banken in New York, Philadelphia, San Francisco, St. Louis und im britischen Liverpool) und baute die Louisiana National Bank auf. Im Zuge seiner Reisen nach Kuba gründete er die Spanish Gas Light Co. mit einer eher unüblichen Geschäftspartnerin: Maria Christina, die spanische Queen Mom. James Robb war vielfältig und eigensinnig: Er präsidierte 1851 die U.S. Railroad Convention, war im Verwaltungsrat der University of Louisiana und wurde sogar Mitglied im bundesstaatlichen Senat, lehnte aber Präsident Lincolns Angebot für ein politisches Mandat und sogar den Posten des Schatzsekretärs unter Andrew Jackson ab. Andererseits baute er die erste Eisenbahn von New Orleans in den Norden nach Memphis, sanierte die marode Chicago, Alton and St. Louis Railway und diente dann als Präsident der Atlantic and Great Western Railway; allerdings verabschiedete er sich drei Monate später ganz aus dem Eisenbahngeschäft, weil ihn die herrschenden Geschäftsmethoden nun vollends anwiderten.

«The New Orleans & Great Northern Rail Road Polka»
Theodore Felix von La Hache komponierte 1854 zu Robbs Ehren
die «New Orleans & Great Northern Rail Road Polka»
(courtesy of New Orleans Public Library)

Zwar erlebte auch Robb seine Finanzkrise, als er 1857 mit rund drei Millionen in der Kreide stand und die Schalter in New York, San Francisco und Liverpool schliessen musste, doch brachte er es sauber fertig, die gesamte Schuld samt Zins und Zinseszins zurückzuzahlen. 1871 zog er sich aus dem Geschäftsleben zurück, mischte sich aber weiterhin freidenkend lautstark in die Politik ein und schrieb markig über politische Ökonomie. Er baute mit Sachverstand und Geschmack — «There was nothing modest about Robb's taste in art» — seine Kunstsammlung weiter aus («a perfect museum», wie die NYT am 2. August 1881 schrieb) und war massgeblich am Aufbau der National Gallery of Paintings in N.O. beteiligt. James Robb starb am 30. Juli 1881 in Hampden Place bei Cincinnati/OH; der Typ war kein leichter Genosse, sondern selbstbestimmt (und als Freund von Jefferson Davis unangenehmer Vertreter seiner Zeit), ein harter sparring partner, tatkräftiger Lobbyist und ernstzunehmender Geschäftsmann, aber wahrlich integer, im Wesen freundlich gesinnt und zudem ein Gentleman — selbst wenn der Name etwas anderes vortäuschen konnte. Man nahm ihn ernst, weil er sich nicht im Nebel davonstahl.

Die Amerikaner machen aus vielen Nöten immer wieder Tugenden, wenn auch zuweilen auf kuriose Art. 1909 gründete Merkel Landis, Finanzleiter der Carlisle Trust Company (PA) den «Christmas Savings Fund» mit der Idee, auf Weihnachten hin Einlagen zu äufnen; 350 Kunden machten mit und sparten durchschnittlich USD 28. In der Grossen Depression wurde diese Idee landesweit aufgenommen und mit sehr strikten Regeln umgesetzt: Einzahlungen waren unbedingt wöchentlich oder monatlich sowie in kleinen, tragbaren Beträgen zu tätigen, übers Jahr wurden keine Auszahlungen vorgenommen (bzw. nur gegen sehr hohe Gebühren), der Zins war gering oder gar Null, aber dafür gabs das ganze Kapital aufs Mal: fürs X-mas Shopping. Die Christmas Clubs waren bis in die 1990er sehr beliebt, weil die Leute zwangsweise aufs die Geschenk-Saison hin sparten. Dann kamen die Kreditkarten gross in Mode …

«Christmas Club check»
«Christmas Club» der Commercial Trust Co. of New Jersey,
Jersey City/NJ 1966, Scheck über USD 500 (big)

Vielleicht sollten wir doch eher wieder an den Weihnachtsmann glauben? Sein Zyklus ist ziemlich verlässlich und mag Spekulanten a bit langweilig erscheinen, doch steht er mit seinem Namen fürs Unternehmen und beherrscht Dank Rudolph die Volatilität wie kein Zweiter; bilanziert wird zwar nicht quartalsweise, aber Ende Jahr ist alles Glanzpapier abgerissen; das Geschäftsmodell ist transparent, die P/E-Ratio meistens Ok — und der Nikolaus geniesst das uneingeschränkte Vertrauen der Kunden: Sein «Customer Satisfaction Index» ist seit eh und je stabil auf einem beneidenswert hohen Niveau.

In diesem Sinne: Happy Holiday und einen glücklichen Rutsch in ein helles Neues Jahr — oder etwas weniger antiquiert: cross tha fingrz, yo!

PS: Stephen Greenspan (emeritierter Professor für pädagogische Psychologie an der University of Connecticut und Autor von «Annals of Gullibility») schrieb den sehr persönlichen Essay «Fooled by Ponzi (and Madoff)» — er fiel nämlich selbst drauf rein —, dann Harry Markopolos' interessante Eingabe an die SEC vom 7. November 2005 sowie Burnie II., the ugly mad robber himself in der Diskussion «The Future of the Stock Market» (ungekürzt beim Veranstalter Philoctetes).

PPS (Aug09 und Aug11): Zufälligerweise fand ich vorhin einen kurzen Artikel zu Burnie I., erschienen in HP Magazin für Historische Papiere, Nr. 8/September 1981, Rubrik + telex + (btw: m.W. kam der Film nie zustande) … und dann geriet mir noch ein aufschlussreicher Bericht in die Hände aus der «Weltwoche» vom 12. September 1969.

PPPS/Dec09: Der Gangster Burnie II wird lange in Erinnerung bleiben, auch als armselige Comic-Figur …

«BUNCOMAN Episode 1 — Madoff & Clawback»
BuncoMan, der zeitgenössische Krieger kämpft gegen Madoff, clawback und
Vertreter der Regierung (big); by Ramben Associates LLC
(courtesy of Jim Newman, Buttonwood Galleries)

Quellen:
• S. Frederick Starr/Robert S. Brantley/Jan White Brantley, Southern Comfort: The Garden District of New Orleans, Princeton Architectural Press, 2005
• im Text verlinkte pages und eigene Unterlagen

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Happy Birthday! — dem ersten schweizerischen Cocktail zum Siebzigsten
(08/12/02)


Der beliebte Früchtekorb, die umsatzstarken Allzweckreiniger und auch Mars' sweet «Celebrations» sind einander sehr ähnlich: Sie mischen gescheit individuelle Geschmacksrichtungen und allgemeine Erwartungen, damit kaum jemand enttäuscht wird und somit fast alle einen Erlös daraus erzielen; es sind gewinnträchtig zusammengesetzte «mainstream»-Produkte.

Diversifikation (oder Neudeutsch: «asset allocation») ist ein Grundpfeiler der geschickten, langfristigen Anlagestrategie: Man setzt nicht auf ein einziges Pferd und wettet alles aufs Mal, sondern verteilt das Vermögen auf mehrere Klassen und unterschiedliche Instrumente, Währungen, Branchen, Ausgeber, Perioden usw. Zwar verwässert das Potpourri den allfälligen einzelnen Supermega-Treffer, dafür wird das Verlustrisiko des Portfolio unter dem Strich gemindert — und damit eine optimale Rendite ohne schlaflose Nächte wahrscheinlicher. Ein solch ausgewogenes Körbchen kann man selber zusammenstellen und verwalten, oder man überlässt die Arbeit den Profis und kauft Anteile eines «fonds» oder «fund».

«America-Canada Trust Fund (AMCA)»
America-Canada Trust Fund, 1939, Zertifikat über fünf Anteile;
für
INTRAG zeichneten Fritz Richner (1953–64 SBG VR-Präsident)
und Ernst G. Renk als Delegierter des INTRAG Verwaltungsrates,
für die SBG als
Treuhänderin deren Direktionspräsident Paul Jaberg
(1941–53 VR-Präsident der SBG) sowie Direktor Fritz Zehnder

Der erste offene Fonds der Schweiz kam vor fast tupfgenau siebzig Jahren auf den Markt. Das abgebildete Wertpapier — möglicherweise ein Einzelstück — dokumentiert die Pionierleistung der Schweizerischen Bankgesellschaft (heute UBS). Sie gründete am 12. Dezember 1938 die INTRAG AG zur Verwaltung der bankeigenen Investment Trusts mit Sitz im «Münzhof» an der Zürcher Bahnhofstrasse 45, die INTRAG ihrerseits lancierte unmittelbar danach den «America-Canada Trust Fund» (AMCA) mit einem Korb aus amerikanischen und kanadischen Stamm- und Vorzugsaktien.

«James Robb & Comp., Bankers, Sekundawechsel»
UBS Fund of Canada, Ltd., 1959, Stammaktien-Zertifikat, Specimen (big);
wahrscheinlich ein Anteil am Kanada-Fonds der Schweiz. Bankgesellschaft,
anscheinend 1965 aufgelöst

Quellen:
«Geschichte von UBS» (historisches Online-Archiv)
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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Big Blue
(08/11/04-05)


Eine geschichtsträchtige Nacht … Die Caboose eines langen, ungemein spannenden Voting Trails fährt so oder so über eine Weiche; egal, wer gewinnt — es kann nur besser werden. Der unangenehme Querschläger vertraut erfahren eher ängstlich klassischen Werten und will (nicht ganz zu Unrecht) einen sanften Aufbruch. Der abseits Andere ist geprägt, entschieden und will (mit allen Risiken) die Zukunft bauen. Egal, wer gewinnt: Es ist anyway ein Blue Chip und verspricht Erfolg.

«American Express Co.»
American Express Company, 1855, Zertifikat über vier Stammaktien,
unterschrieben von William G. Fargo, Henry Wells und Alex Holland
(big)

Falls wirklich das typisch Amerikanische, die risikobereite Zuversicht, die Lust zu Bauen gewinnt, jauchzt «America». Die rostige Lokomotive wird zwar lange Monate nur Bulk ziehen, doch dann voller Pioniergeist den Expresszug in eine helle Zukunft führen.

«Irwing Wallace The Man»
Irving Wallaces «The Man» erschien 1964,
ein Jahr nach der Ermordung John F. Kennedys
und Martin Luther Kings «I Have a Dream»

PS: What a great night, what a bright day!

Quellen:
• eigene Unterlagen

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Juristenfutter
(08/11/03)


Im November 2000 gingen die amerikanischen Präsidentschaftswahlen nur sehr knapp und erst nach wochenlangen gerichtlichen Querelen zugunsten George W. Bush aus. Zwar erhielt Al Gore fast 550'000 Stimmen mehr als Bush, aber letzterer konnte 271 Electors (Wahlmänner) hinter sich scharen, entscheidende fünf mehr als Gore. Zum Juristenfutter wurden die 25 «electoral votes» im Bundesstaat Florida und damit allgemein die «voting machines», die seitdem legendären Wahlmaschinen.

«Automatic Voting Machine Corp.»
Automatic Voting Machine Corp., um 1940, Stammaktien-Zertifikat, Specimen

Die amerikanische Gesellschaft mit ihren kulturell unterschiedlichsten Erfahrungen misstraute den einfachen papiernen Wahlzetteln. Gefragt war ein sicheres System, das technisch Manipulationen vorbeugen konnte und automatisiert das Auszählen beschleunigte. Jacob H. Myers aus Rochester/NY erfand den ersten brauchbaren Wahlautomaten, und die «Myers Automatic Booth lever voting machine» kam 1892 in Lockport/NY zum Einsatz. 1895 siedelte Myers um und gründete in Jamestown/NY die «Automatic Voting Machine Corporation». Ein Jahr später überzeugten seine Geräte die Stadt und wurden kurz darauf im ganzen Bundesstaat eingeführt.

«Automatic Voting Machine Corp. ad»
Automatic Voting Machine Corp., 1944, Anzeige (big)

Um 1930 waren solche Maschinen Standard in jeder grösseren Stadt. Jamestown war die Kapitale der Wahlmaschinen-Hersteller und zählte 1938 sechs grosse Unternehmen, 1952 ist Myers gem. Federal Trade Commission grösster Hersteller von Wahlmaschinen in den USA, und 1960 wählte mehr als die Hälfte der US-Bürger ihren Präsidenten mittels Myers-Automaten.

«Diebold Venture Capital Corp.»
Diebold Venture Capital Corp., 1971, Zertifikat über 100 Stammaktien des
geschlossenen Risikokapital-Fonds der Diebold, Inc.; gegründet 1968, wurde
der Fond 1976 vom Investor Erik Bergstrom nach Verlusten von mehr als 55%
übernommen, in Bergstrom Capital umbenannt, von Dresdner RCM Global
Investors (dann Allianz GI) weitergeführt und 2003 liquidiert
(big)

Diebold Inc., von Charles Diebold 1859 in Cincinnati/OH gegründet und 1876 als «Diebold Safe & Lock Company» in Canton/OH eingetragen, begann als Hersteller von Tresoren und Kassenschränken, dazu kamen später Ablage- und Rohrpost-Systeme sowie in den 1970ern die ATMs (Automated Teller Machines, Bankomaten). 2002 übernahm Diebold die auf dem Gebiet der Touch Screen-Wahlmaschinen führende «Global Election Systems» und machte daraus die Tochter «Diebold Election Systems, Inc.» (DESI). 2007, als Folge verschiedener Kontroversen, firmierte die Tochter um zur «Premier Election Solutions». Übrigens: Eliot Ness, der legendäre Gangsterjäger («Die Unbestechlichen») war von 1943 bis 1947 Vorsitzender der Diebold.

«American Voting Machine 1913»
American Voting Machine Co., 1913, Zertifikat über 26 Stammaktien

American Voting Machine Co. (gegründet 1909 und ein paar Jahre später zur Corporation umbenannt) war zwar nie die Nummer 1, und es ist praktisch nichts über sie bekannt — dennoch, die Firma schenkte uns zwei wunderhübsche Papiere, und deshalb gebührt ihr hier ein Ehrenplatz.

«American Voting Machine 1924»
American Voting Machine Corp., 1924, Zertifikat über drei Vorzugsaktien
(courtesy of Scripophily.com)

Quellen:
• Douglas W. Jones, A Brief Illustrated History of Voting, The University of I, Department of Computer Science, 2001/03
Fenton History Center, Jamestown/NY
• im Text verlinkte pages und eigene Unterlagen

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101 Jahre Sicherheit — die SECURITAS
(08/05/12)


Auf Initiative des Zürcher Banquiers Gyr-Guyer erfolgte 1905 in Olten die Gründung der «Securitas AG Schweiz. Bewachungsgesellschaft» mit CHF 100'000 Aktienkapital und Sitz in Zürich. «Wir möchten nicht behaupten, dass die Urgründung eine glückliche war.», liest man im Jubiläumstext von 1928, denn bereits nach zwei Jahren stand das Unternehmen vor der Pleite. Der Berner Oberst und Fürsprech Jakob Spreng rettete, was noch zu retten war, und gründete mit Freunden die neue Firma «Securitas AG Schweizerische Bewachungs-Gesellschaft» in Bern.

«Securitas Sitz Bern»
Der erste Sitz der Generaldirektion am Bubenbergplatz, Ecke Hirschen-
graben in Bern (Firmensitz ist immer noch Bern, die GD ist nun in Zollikofen)

Das Gründungskapital betrug am 22. Mai 1907 CHF 100'000, eingeteilt in 200 Namenaktien zu je CHF 500. Am 26. April 1916 erhöhte man das AK um CHF 75'000 auf CHF 175'000 und wandelte die Namen- in 350 Inhaberpapiere zu CHF 500 um. Die nächste Kapitalerhöhung folgte am 25. März 1920 mittels 150 Inhaberaktien zu CHF 500 auf ein AK von neu CHF 250'000.

«Securitas 1907»
Securitas AG, Bern 1920, Aktie zu CHF 500

Lt. Aussagen der Securitas Generaldirektion von 1985 ist aus der Emission von 1920 nur dieses eine Exemplar erhalten geblieben. Signiert ist das Unikat links von Oberst Hermann Ludwig, Kaufmann in Bern, als Präsident, und rechts von Oberst Adolf Jost, von Interlaken, Polizeikommandant in Bern, als Vizepräsident des Verwaltungsrates; weitere VR-Mitglieder waren u.a. der Zürcher Spediteur A. Welti-Furrer und der Luzerner Drucker C.J. Bucher.

«Securitas 1907»
das berühmte Auge in der Version von 1907

«Securitas» ist schweizweit ein top brand — es dürfte kaum jemanden geben, der nie den Frauen und Männern in blauer Uniform begegnet ist —, und das stilisierte Auge ist seit eh und je einprägsames Erkennungszeichen der Firma:

Das Auge der „Securitas“

Wo ist das Aug' zu finden,
Das niemals tränennass?
Ich will es froh verkünden:
Bei der «Securitas»!

Es schützt der Guten Schlummer,
Die Bösen werden blass,
Ein Wächter ist's, ein stummer,
Von der «Securitas».

An Gärten, Häusern, Türen
Erglänzt's ohn' Unterlass,
Man soll es sehn und spüren:
Hier wacht «Securitas»!

Es lässt sich nicht bestechen
Und lacht auch nicht zum Spass,
Stets scheint es ernst zu sprechen:
Dich sieht «Securitas».

Vor mancherlei Gefahren,
Vor Feuer, Raub und Hass,
Will dich das Aug' bewahren
Der Frau «Securitas».

Mög' dieses Auges Segen
Fortblühn in reichem Mass,
Dann ruft man allerwegen:
Glückauf, «Securitas»!


(H.L., in der Denkschrift von 1928)

Quellen:
• Protokollauszüge 1907–1954
• «SECURITAS — Denkschrift über unser Wirken in den Jahren 1907–1927», Bern 1928
• Denkschrift «75 Jahre Securitas 1907–1982», hrsg. zum Firmenjubiläum von der Securitas AG, Bern 1982
Eine Erfolgsgeschichte (online history der Securitas AG)
• wikipedia.de-Eintrag zur Securitas AG
• eigene Unterlagen

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Deckungsanteil
(08/07/21)


Finanzierung ist schlussendlich vertrauende, zukunftsgerichtete Risikobeteiligung an einem Unternehmen; der Teilhaber will seine «Forderung» gedeckt wissen und den Einsatz selbstverständlich vermehren. Das unterstützte Objekt ist häufig zweitrangig — also kann es auch ein Pferd sein.

«german stallion stock»
Crouch's «imported German Coach Stallion», Irvington/IL 1902,
Zertifikat über eine halbe Aktie zu USD 200 (big)

Verbucht war mit diesem Schein der Deckhengst Nr. 1659 mit Namen «Aar» (altdeutsch für «Adler») zum Preis von damaligen USD 2'200, was umgerechnet und kaufkraftbereinigt heutigen grob CHF 120'000 entspricht; wahrlich kein 08/15-Ackergaul … Der Titel trägt links die Unterschrift des Agenten J.W. McClane, rechts die handschriftliche Firmensignatur «J. Crouch Son».

«Hake's button»
LaFayette Stock Farm, ca. 1905-07, button, ø 4.5 cm
(courtesy of Hake's Americana & Collectibles)

Ausgegeben ist die Aktie in Irvington, einem Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern in Washington Cy/IL, knapp 60 Meilen östlich von St. Louis/MO. Dort fand 1904 die Louisiana Purchase Exposition statt, besser bekannt als St. Louis World's Fair. Crouch war mit über 100 Pferden vertreten und holte in den German Coach Classes fast alle Preise. «Hannibal», der Grand Champion Stallion, wurde als «perfect» beschrieben und auf Hunderten von Fotos verewigt. Auch an den Belgian Horse Shows trumpfte Crouch und gewann mit «Trappiste» und «Cognac d'Alvaux» zwei von fünf Zuchthengst-Preisen.

«LaFayette Stock Farm postcard ca.1910»
LaFayette Stock Farm, LaFayette/IN, ca. 1910

J.R. Crouch und seinem Sohn George gehörte die 1886 gegründete «LaFayette Stock Farm»: Sie war die Nummer 1 besonders bei den sog. «German coachers», Schwere Warmblüter der Ostfriesen/Alt-Oldenburger-Rasse, stattlich-starke und gleichwohl elegante Pferde, bestens geeignet grosse Kutschen, Wagen und Feuerwehrpumpen zu ziehen.

«german stallion stock»
eine Stereographie der Keystone View Co., ca. 1900, Ausschnitt (big)

Zwei Beispiele zeigen J. Crouch & Son's Gewicht: An der World's Columbian Exposition 1893 in Chicago war Deutschland mit einer stattlichen Zahl Zuchthengste vertreten — Crouch kaufte gleich den ganzen Bestand auf —, und 1906 zählte die Farm über 1'000(!) Hengstfohlen.

«LaFayette Stock Farm postcard»
LaFayette Stock Farm, LaFayette/IN (big)

Jepthay R. Crouch (1843-1927) war weltbekannter Importeur von Zuchthengsten und besass Anstalten in Lafayette/IN, Nashville/TN, North Ft. Worth/TX, Sacramento/CA, San José/CA, Sedalia/MO und London/ONT (CDN).

«Classic Cancel's cover»
LaFayette Stock Farm, 1901, cover
(courtesy of The Classic Cancel)

Nach Jephtays Tod führte George die Geschäfte weiter, doch gegen das moderne und zunehmend günstigere Zugpferd «Automobil» konnte er sich nicht behaupten: 1937 wurde die Farm verkauft und schliesslich liquidiert. Heute erinnern historische Dokumente, die 250 Meter lange Crouch St. in Lafayette, das Gebäude der Fairfield Township Crouch Elementary School und ein paar webpages an die «General Motors» der Pferde-Ära.

Quellen:
• Lyndon Irwin's Seiten zum Thema «Agricultural Events at the 1904 St. Louis World's Fair»
• online-Archiv der New York Times
• zur Tippecanoe County Historical Association
• im Text verlinkte pages und eigene Unterlagen

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Als der Bär und ein paar Häuser baden gingen …
(08/03/31)


Heute sind es 1 Kilo Gold, 1 Reisegutschein, 1 Toaster oder 1 Pfund geräucherter Speck; der Gewinn einer Lotterie anno 1873: ein dreijähriger Schwarzbär.

J.C. Porters Hotel im kleinen Nest mit dem sinnreichen Namen «Eureka» — wo Roundout und Chestnut Creek einander fanden — diente als Kulisse dieser Samstagnachmittag-Veranstaltung; ein Dollar war Ok, und die Chance stand immerhin Eins zu Hundert. Ob dieser typisch nordamerikanische Meister Petz Ende Februar als Tanzbär angestellt wurde oder zu kulinarischen Ehren kam, konnte nicht ausfindig gemacht werden …

«Eureka NY lottery ticket»
Lotterielos, Eureka/NY 1873, 5.4 x 8.8 cm, Auflage 100 Ex.

Joseph C. Porter war nicht nur Hotelier, sondern auch Eurekas «first postmaster»; doch dann verliert sich seine Spur. Das Postbüro, eröffnet am 24. April 1869, schloss seinen Schalter am letzten Oktobertag 1942.

«Merriman Dam postcard»
der Merriman Dam im Süden bei Lackawack staut den
Rondout Creek zu einem fast zehn Kilometer langen See (postcard, 1954)

Fast genauso schwierig ist es, Verweise auf Eureka/NY zu finden: Nach den Flutkatastrophen von 1928 und 1938, wurden die Weiler Eureka, Lackawack und Montela 1954 zugunsten der Trinkwasserversorgung New Yorks geräumt und geflutet; sie liegen versunken im Rondout Reservoir des Delaware System-Wassereinzugsgebietes. Dieser Stausee hält auf knapp acht km² fast 190 Millionen m³ und liefert heute rd. 1.4 billion gallons oder 5.3 Milliarden Liter Trinkwasser jeden Tag für gegen 10 Millionen Menschen, knapp die Hälfte des Wasserbedarfs von New York City und vier upstate NY counties.

«First National Bank Roundout NY check»
The First National Bank, Roundout/NY 1900, Scheck über USD 27.60 (big)

Auf Grund des Gesetzeserlasses Nr. 724 von 1905 wurden in den Catskills 24 Dörfer und wertvolles Ackerland dem wachsenden Durst der Metropole geopfert. Sicherlich war es schade um jede Gemeinschaft (einige nennen es «The Taking» und meinen: «Nevertheless, construction of a reservoir for a growing city of millions seems on a par with the severity of taking people’s land from them, even if it does create generations of anger and resentment.»), und Einzelschicksale sind sowieso nie gerecht. Doch rückblickend war es anscheinend richtig: Im Internet finden sich zwar ein paar historische sites, gleichwohl würde niemand den damaligen Entscheid grundsätzlich kippen wollen; «e pluribus unum».

«Rondout Reservoir»
Rondout Reservoir, vorne quer der Merriman Dam (ca. 1960)

Vergleiche ich die menschlichen Wirbel — zur og. Trinkwasserversorgung New Yorks im letzten Jahrhundert gegenüber heute zur geplanten Erhöhung unserer Grimselsee-Staumauer bzw. zum chinesischen 3-Schluchten-Projekt am Yangtse —, dünkt mich die gewichtete Empörung (gekoppelt mit fehlender Phantasie oder gezüchteter Blindheit?) schlicht absurd; wahrscheinlich ist die triefende Logik der heute vereinbarten Priorisierung nur mittels ideologischer Brille erkennbar.

Quellen:
• geschichtlicher Rückblick von Town of Neversink
• Bericht über die Lost Towns bei Grahamsville, NY
• Stephen d'Agostinos Informationen zum Rondout Reservoir
• The Chestnut Creek Stream Management Plan, Vol. I of II, Section 4, Chapter A, the Sullivan County Soil and Water Conservation District, 2004, published online by Catskill Streams
• im Text verlinkte pages und eigene Unterlagen

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«Holman’s Absurdity» oder Wenn Geldgier den Verstand lahmlegt
(08/03/28)


War es die Ungnade einer zu frühen Geburt? Die Investoren der Holmanschen Beschleunigungs-Lokomotive kannten Warren Buffetts Spruch noch nicht: «Investiere nur in eine Aktie, deren Geschäft du auch verstehst.»; sonst hätten sie leicht gemerkt, welchem Stuss sie Geld hinterher warfen.

«Holman interim certificate»
Holman Locomotive Speeding Truck Co., Sioux City/IA 1896, Interims-Schein
zu fünf Stammaktien der «so called Holman-Cadwell Roller-Gearing
Locomotive Association of Minneapolis/MN» (courtesy of Scripophily.com)

Zunächst schienen es Phantastereien eines Amateur-Ingenieurs zu sein — «… we supposed that it was the invention of some harmless crank who did not understand the elementary principles of mechanics …» und «A triple set of wheels under a locomotive would be proposed only by one who is densely ignorant of mechanics.», so Angus Sinclair, Herausgeber des Locomotive Engineering, 1897, und in Railway and Locomotive Engineering, 1907 —, doch mit der Zeit wurde klar: Es ist Betrug. Wie blind Anleger sein können, zeigt die Aktie der «Holman Locomotive Speeding Truck Co.»: Sie war der hübsch gestaltete Lockvogel eines geschickten Schwindels, als Aktiengesellschaft (gegründet) am 22. Januar 1896 in Sioux City, Bundesstaat Iowa.

«Holman stock»
Holman Locomotive Speeding Truck Co., 1896,
Zertifikat über eine Aktie zu USD 100, 9.2 x 21.9 cm,
signiert von William J. Holman (President) und S.L. White (Secretary)

Die Holmansche Erfindung (abgekupfert von der «Fontaine locomotive» 1881/82, lt. Alfred Bruce: «The design was fantastic and resulted in utter failure.») bewirkt weder eine stärkere Beschleunigung noch kann sie zu einer höheren Geschwindigkeit führen — im Gegenteil: Der zusätzliche Reibungsverlust im «Getriebe» mindert die übertragene Kraft, es ist schlicht ein physikalisches (und finanzielles) Verlustgeschäft. Das Urteil über diese technische Meisterleistung war und ist eindeutig: «This (…) thing (…) is a conventional steam locomotive mounted on not one but two sets of extra wheels or rollers.», «The word „locomotive“ scarcely seems appropriate.», «There also looks like a strong probability it would fall over when it tried to move.», klarer gesagt: «this piece of insanity», «(…) is a humbug.», «the latest monstrosity» und «The Holman Horror». Interessant der Wortwechsel zwischen Sinclair und Holmans Sohn in der New York Times vom 17. April 1897 (dritter Abschnitt) — war der Erfinder wirklich kriminell oder nur vernarrt?

«Holman's innovation»
Holmans irrwitzige Konstruktion

Erstaunlicherweise sind anscheinend doch zwei Holman-Lokomotiven gebaut worden: 1887 von Holman selbst in Philadelphia, zehn Jahre später dann das zweite Exemplar der «insane loco», diesmal in den Hallen der renommierten Baldwin Locomotive Works und dem staunenden Publikum auf einer geraden Teilstrecke der South Jersey Railroad Co. stolz vorgeführt (die NYT vom 15. Oktober 1897 berichtete darüber und orakelte eine Höchstgeschwindigkeit von fast 200 km/h!). Letztere Lok ist dann lt. Fachliteratur, gestutzt als konventionelle 4-4-0, bei der Kansas City and Northern Connecting RR eingesetzt worden, wo sie «hopefully was able to live down its shameful past».

«Holman locomotives»
Holman system locomotives

Doch, wie heisst es so trefflich? «Mit Speck fängt man Mäuse, mit Versprechungen Aktionäre.» — egal, wie hirnrissig-naiv oder betrügerisch-verbrämt die Beteuerung sein mag. In mehreren Tageszeitungen aus Philadelphia erschienen Anzeigen mit Angeboten, die Aktie der «Lokomotive der Zukunft» im Wert von USD 100 für nur USD 25 zu erwerben, «claiming that the invention was certain to come rapidly into general use and was destined to be the locomotive of the future» … Sinclairs abschliessendes Urteil: «(…) an investment which will be of the same real value as throwing gold coin over Niagara Falls.»

«Holman stock»
William J. Holmans Signatur als Präsident

Dahinter verbergen sich Einzelschicksale zwischen «Hoffnung einfach» und genauso üblicher «Gier retour»: «One painful case that was pushed to my attention will illustrate the danger of taking stock in things recommended by friends. Mrs. Marion French had sufficient money in United States bonds to produce her an income of $570 a year. Some idiotic friend advised her to invest in the Holman Locomotive Company's Stock, assuring her that she would more than double her income without risk. Our washerwoman never loses a chance to ask me when the Holman Locomotive Company will begin paying dividends.» (August Sinclair).

PS: Eine ausführliche Seite zum Thema Unusual Variations on The Steam Locomotive.
PPS: Lt. Anthony J. Bianculli, Trains and Technology: Locomotives (2001, University of Delaware Press. S. 190) baute Baldwin drei Holman Lokomotiven.

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