Diesen Artikel hätte ich durchaus in die section «art» einbinden können, doch Kiki Picasso/Christian Chapiron lernte ich wegen seiner Aktie «Antène 1 — télévision pirate» (und der Art Swatch no. 1) kennen. Also stelle ich den freundlichen Freischärler hier vor.
Kiki Picasso ist «tous travaux d'Art»: vielseitig, grell und sanft — einer der buntschillerndsten Avantgarde-Künstler Frankreichs. 1956 in Nizza als Christian Chapiron geboren, erlebte er Kunst hautnah, weil seine Eltern anscheinend Beziehungen zu Schauspielern und bildenden Künstlern pflegten.
Zeichnung (B.D.), 1976 (big)
Als Mitgründer der alternativen Kultur-Zeitschrift «Bazooka» und «le théoricien» der 1975 ins Leben gerufenen Künstlergruppe gleichen Namens zur Propagierung der «dictature graphique» zog er erstmals die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Jacques (Jack) Lang, der spätere Kultusminister Frankreichs, soll ihn für seine Wahlkampagne engagiert haben, und dies sicherte ihm die Präsenz in den Medien.
soirée musicale, 1979, Acryl a/Leinwand, 295 x 330;
hier auf: Mico Nissim, Darlinghetta, LP-Schallplattenhülle,
1980, Disques Cobalt-CBH Productions;
die Darstellung in «Sandwich» sowie die berühmte Vorlage
various artists, La Perversita, Schallplattenhülle, 1979, Invisible Records
(big und ein paar weitere Beispiele)
Es gibt fast kein Gebiet, worin sich Kiki Picasso (alias «Kris Plak de Crasse», «Kim Crado», «Tim Timide» u.a.m.) als freischaffender Grafiker nicht versucht hätte, und meist mit Erfolg. So illustrierte er Buchumschläge, entwarf Schallplattenhüllen und Plakate, war scheinbar Supervisor einiger «Tim und Struppi»-Comics, und sogar Schuhe sollen seinen Namen tragen — tatsächlich! — es gibt sie, die von ihm entworfenen Schuhe. Ende der 80er Jahre widmete er sich der pornographischen Photographie, die er mittels Computer und Airbrush bearbeitete: Es entstanden wilde Gestalten und deftige Szenen im psychedelischen Rausch.
DRIPPING Kiki, Ed. Jean-Pierre Faur, Paris 1992,
ein gefragter pornographischer Band (big)
Begehrt sind auch seine Beiträge in einer grenzüberschreitend tabubrechenden Nische der Kunstlandschaft, die lange verkannt nun via Internet leicht zugänglich und vielleicht mal salonfähig wird: «L'Art Médical» (so heisst auch das Kollektivwerk des Hauptvertreters dieser Richtung, Romain Slocombe).
enfant souriant et très malade, 1980 (big) |
In der (übrigens von Chapiron selbst verfassten) Monographie «Les chefs d'œuvres de Kiki Picasso» behauptete er u.a. ein Werk im Auftrag Leonid Breschnevs anlässlich des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan sowie ein sozialistisch-realistisches Gemälde während der polnischen Unruhen auf Wunsch von General Jaruzelski geschaffen zu haben, und es gebe ein Bild (mit klar antisemitischem Inhalt), das als Geschenk ans irakische Museum der Revolution in Bagdad ging. Andererseits soll im Memorial von Auschwitz ein Portrait Anne Franks mit dem Titel «Erinnerungen eines Mädchens» zu finden sein, und ein weiteres Bild stelle unzweideutig terroristische Anschläge und Morde an den Pranger.
mémoires de jeune fille, 1978, Mischtechnik, 76 x 48 (big)
Wahrscheinlich, anscheinend, scheinbar, werweiss … Chapirons häufig widersprüchlich unbequemer Ansatz beim Aufgreifen und Darstellen eines Themas mag zuweilen schwer verdaulich sein, und rasch wäre man geneigt, ihn des Opportunismus' zu bezichtigen. Doch seine Haltung bringt ihm keinen Vorteil, und seine treffend-anklagenden Darstellungen von Schmerz, Elend und Unrecht — gemalt ohne Auftrag oder Dienstverhältnis — lassen diese bequeme Etikette nicht zu. Ein grosses Plus seiner Arbeit ist, nicht belanglos zu sein: Sie zwingt zur Auseinandersetzung. Das Werk Chapirons lässt nicht kalt, er persifliert, provoziert und polarisiert. Darin ist er ein Könner und wohl auch ein Künstler (obwohl ihn eine Galeristin mir gegenüber süffisant als «Kunstgewerbler» betitelte … henusode — wer weiss heute, was künftige Generationen zur Kunst zählen).
Chapiron schuf mehrere Titelseiten für das Libé-Tochterblatt
«Un regard moderne»
(big),
u.a. auch das Paar zum «Deutschen Herbst»
KPs Werke sollen gemäss erwähntem Buch (erschienen bei Le Dernier Terrain Vague — nomen est omen!) in den bedeutendsten Museen zu sehen sein: im New Yorker MoMA, im Musée d'Art Moderne in Paris, in der National Gallery of Arts (Washington), den Kunstmuseen von Basel und Bern, der Lausanner Galerie Paul Valloton und bei Leo Castelli in New York, in den Staatsgalerien von Prag und Warschau, im Märkischen Museum zu Berlin, im Museum des Vatikans und im Fussballmuseum München etc. — die Liste strotzt vor bekannter Namen. Das Problem: Alle erwähnten Museen und Galerien in der Schweiz wurden 1992 angefragt, und in keinem einzigen Hause wurde Chapiron jemals ausgestellt, keines hat eines seiner Werke erworben; das Münchner Fussballmuseum wurde nie gebaut, und in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung ist Kiki Picasso unbekannt …
Les chefs d'œuvres de Kiki Picasso, 1981, Le Dernier Terrain Vague (big)
Was ist davon zu halten? Man könnte Kiki Picasso rasch als Scharlatan abtun, doch wenn man sein Buch liest, fallen einem die vielen Seitenhiebe an die bieder kokettierende Kunst-Schickimickeria auf. Was wäre in einer Zeit des Etikettenfetischismus und des Provenienzkultes (wo Besitzer und Standort mehr zählen als das Kunstwerk) konsequenter, als die Ironie der Zeit hemmungslos zu pflegen und orgiastisch solche Renommierinstitute aufzuführen? Zudem sind manche Angaben im Buch so offensichtlich unmöglich, dass sich der Leser fragt, ob er nicht selbst mitten in das surreale Theatergeschehen eingebunden wird … typisch Christian Chapiron.
«portrait de Hinraia Logoumbe», 1977, Öl a/Tafel, 330 x 257 (big);
es erinnert an die Ikone des FPLP-Terrorismus in den 70er Jahren
Gegen Ende der Siebziger Jahre hatte Chapiron das Pseudonym Kiki Picasso angenommen, und dieser entliehene Name brachte ihn nach fast sechsjährigem Prozedere im April 1989 vor den Richter, angeklagt von Pablo Picassos Nachkommen: Es solle ihm gerichtlich verboten werden, den Kunstnamen weiterhin zu führen, zudem sei 1 Franc Schadenersatz zu zahlen. K.P. und sein Anwalt modelten die Gerichtsverhandlung in ein skurriles Kunstwerk um und setzten sich gekonnt in Szene: Die Verteidigung warf Paloma Picasso, der Wortführerin der Klägerpartei vor, sie lebe auch vom ererbten Namen, sie benutze ihn, um Kosmetika und Zahnpasta anzupreisen, «sogar Peitschen und Harnische». Im übrigen sei er, Maître Kiejman, «Dank Tischerücken in direkter Kommunikation mit dem Meister, und diese Geschichte amüsiere ihn köstlich …». Gemäss Antenne 2 (01/12/92) wurde ihm in der durch Paloma Picasso angestrengten Revisionsverhandlung doch verboten, das Pseudonym weiter zu verwenden, aber Chapiron führt es bis heute; egal — Kiki Picasso ist ein Begriff.
Kiki Picassos «Art Swatch», 1985 (big) |
Eines seiner bekanntesten Werke ist das allererste Modell der «Swatch Art Collection» mit einer Auflage von nur 140 unterschiedlichen Exemplaren in drei bis elf Farben gestaltet. Das wahrlich ungewöhnliche Kunstwerk — der Quadrant dreht mit den Zeigern in sich selbst — ist das Traumstück jeder Swatch-Kollektion und erzielt an Auktionen immer wieder Spitzenpreise (s. unten).
o.T. — der Titel könnte lauten «from Russia with love»;
aus: Engin Explosif Improvisé, 2009 (big)
Kiki Picasso ist herausfordernd: Ein Mensch, der in allmöglichen Kunst-Gassen quer hansdampft und wegen seiner Persönlichkeit & seines künstlerischen Ausdrucks in keine Schublade passen will — er ist Post-Dadaist und Pre-Punk, doch schliesslich fernab jeder Kategorisierung eigensinnig sich selbst; sein Stil ist halt «le Réalisme à Facettes» :-) Er bezeichnet seine Kunst übrigens als «bedauerliche Notwendigkeit», denn: «En effet, l'homme ne peut pas vivre sans l'art. L'art lui est aussi indispensable que la nourriture».
Artexpo New York, Plakat, 1982 (big) |
Erfreulicherweise gibt es auch ein von Kiki Picasso gestaltetes Wertpapier: Im Februar 1983 wurden 1'000 Aktien zur Finanzierung der «Antène 1 — Société anonyme de télévision pirate» ausgegeben. Die Titel mit hundert Francs Nennwert sind als farbige Serigraphien (in mir bisher bekannten sieben Varianten) auf Kunststoffolie gestaltet und im eigenen Atelier gedruckt. Bereits am Ausgabetag kamen mehr als 100 Personen aus Kultur und Politik, um sich Aktien zu sichern (und an der irren Party teilzunehmen).
Abbildung aus dem Bericht «Les Pirates d'Antène 1» (full)
Die «station expérimentale» plante Mitte März 1983 erstmals auf Sendung zu gehen, wobei der Empfangsbereich etwa zwei Drittel von Paris sowie die Vororte im Osten der Metropole umfassen sollte. Ende Februar — nach sechs Monaten Verhandlungen mit den verschiedensten Ämtern — kam das «njet» vom Ministerium für Kommunikation mit der Begründung, man solle sich auf Kabel-TV einstellen (was aus Kostengründen unmöglich war). Seinem Namen getreu beschliesst A1, wild zu senden — ohne Vorankündigung, v.a. schwarzen Humor, Rock'n'Roll und Pornographie sowie eigene Videos und Animationen.
Antène 1 — S.A. de télévision pirate, 1983, Aktie über FFR 100, Serigraphie
auf marmoriertem Rhodoïd, im Bazooka-Signet gezeichnet von Kiki Picasso
als «le conseiller à la propagande», Typ VII
(big, Varianten)
Im Juli, kurz vor Mitternacht, strahlt «la chaîne de la nuit» die ersten Bilder aus, die im 18., 19. und 20. arrondissement empfangen werden können. Die Studio- und Regieräume, vom illegalen Sender «Radio Mouvance» zur Verfügung gestellt, befinden sich im vierten Stock eines Hauses im Quartier de la Goutte-d'Or am Boulevard Barbès. Das «Programm» beginnt mit einem rockenden Gitarrengirl, es folgt ein Videoclip, dann ägyptisches Karate — all dies ohne Ton(!) und von freiem Kanal zu freiem Kanal springend, um das Anpeilen des Senders zu erschweren. Auf dem Bildschirm erklärt eine Mitarbeiterin ihren Zuschauern quelques détails aus ihrem privatissimum/sie trägt kein Höschen … doch bevor sie dazukommt, die Theorie praktisch zu zeigen, schaltet A1 auf einen Trickfilm um. Gegen ein Uhr nachts kommt sogar der Ton über den Äther, aber knapp zwei Stunden später umzingelt die Polizei das Gebäude. Da kein richterlicher Durchsuchungsbefehl vorliegt, kann die Behörde erst um sechs Uhr früh in die Lokalitäten eindringen; Zeit genug, damit die Equipe von A1 das gesamte Material wegbringen und allfällige Spuren beseitigen kann. Der erfrischende Spuk ist vorbei …
ein Titelblatt des Periodikums «pour la dictature graphique!»;
o.r. das Bazooka-Signet (big)
Die Titel des Piratensenders sind schon deshalb bemerkenswert, weil sie ein typisches Produkt der Achtziger sind: im Material (die Kunststoffolie), in der Gestaltung (die grafische Verknüpfung mit der Computertastatur) und last but not least als Idee. Diese einzigartigen Zeugen des Medienabenteuers «Antène 1» sind hauptsächlich im traditionellen Kunstmarkt gesucht, nur schwer aufzutreiben und ein wunderschönes Beispiel zeitgenössischer Kunst — auf Aktien!
… unerwartet normal: sein «Albert Einstein», 2005, Heliogravur, Imprimerie
des Timbres-Poste et des Valeurs Fiduciares, Yvert 3779 (FDCs, Sammelblatt)
NB. Le tout est s.e.o. — sämtliche Angaben sind soweit möglich gründlich überprüft und gesichert, but beware: Le Dernier Terrain Vague … :-) Sehr häufig — und gerade in «Les chefs d'œuvres de Kiki Picasso» — fehlt bei den Bildmassen die Einheit; üblicherweise würde man Zentimeter angeben, doch vermute ich manchmal Millimeter, also gebe ich nur die Zahlen wieder.
Office Central des Inégalités — Engin Explosif Improvisé,
Karte A5, 2009, Einladung zur Vernissage (big, Rückseite)
PS: Für den Tell Telex-Artikel von 1992 stellte ich eine kleine Preisübersicht von Kiki Picassos «Art Swatch» zusammen (in CHF, gerundet):
… und natürlich werden im Markt auch Kopien (aka Fälschungen) verkauft, z.B. vor wenigen Tagen eine sog. «type Swatch Kiki Picasso» auf ricardo (Artikel Nr. 647216560), oder zumindest fragwürdige «Umbauten» angeboten, wie im November 2011 bei ebay (item 110770411084, zwei Wochen später das selbe Stück …), und auch als «prototype facsimile» deklarierte Machwerke finden anscheinend glückliche Käufer … (btw, die detaillierte Beschreibung; nicht mal einen Monat später vom selben Bastler eine «inverted» mit dem passenden Text …).
zum Künstlerkollektiv BAZOOKA erschien 2006 ein 120 Seiten starkes,
reich illustriertes Büchlein
in Französisch und Englisch
mit einem Vorwort von Marc Zermati (big)
Quellen:
• «Kiki Picasso — Exhibitionist und Künstler» (erschienen in: Tell Telex 2/September 1992) und Marc-Edouard Enays Ergänzungen von 2003
• Christian Chapiron's Gallery (Picasa Web Albums)
• Frank Eskenazis Zeitungsartikel zu Antène 1 (erschienen im Januar, Februar und Juli 1983, wahrscheinlich in der Libération, denn der Drehbuchautor und Dokumentarfilmer schrieb viele Jahre für diese Tageszeitung)
• im Text genannte und eigene Unterlagen